Molyvos schaltet auf Stur

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Nachdem die Hilfe in Sikaminias eingestellt wurde, ändert sich nun auch die Situation in Molyvos. Bisher konnten die Ankommenden der Strände von Eftalou bis Petra zumindest einen Sitz- und Schlafplatz auf dem staubigen Parkplatz finden. Zwar gibt es dort weder Toiletten noch Duschen aber zumindest haben die lokalen Freiwilligen bisher dort Essen verteilt und Bustransporte organisiert. Nun hat die Gemeinde von Molyvos beschlossen, dass der Parkplatz geschlossen wird. Jedoch ohne einen neuen Platz zu haben. Wir fragen uns wohin das führen soll und erwarten eher mehr Chaos, denn wo sollen die Menschen warten? Am morgen wurde ein Zaun errichtet, der den Zugang zum Parkplatz verschließt. Ob das legal ist, werden wir prüfen. Wenn nicht, muss die Gemeinde über Alternativen nachdenken. Denn wenn sie die Leute auf die Straße schicken, insbesondere jene, die nicht in der Lage sind zu laufen, weil sie Babys oder alte Menschen dabei haben, dann gefährden sie damit Leben. Und das werden wir nicht hinnehmen. Das wenige Bestehende ebenfalls noch abzuschaffen ist hinsichtlich der immer kritischeren Situation nicht akzeptabel. Stattdessen muss über funktionierende und nachhaltige Strukturen nachgedacht werden, statt auf Stur zu schalten und den Menschen die letzten Möglichkeiten zu nehmen. Wir hoffen, dass wir mit unserer Station bald zeigen können, dass eine menschenwürdige Versorgung möglich ist und dass davon alle profitieren – die Flüchtlinge und die lokale Bevölkerung. Und wir geben die Hoffnung nicht auf, dass dieses Beispiel andere Gemeinden überzeugt ebenfalls solche Stationen zu schaffen.

Sikaminia ohne Helfer

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Gestern Abend haben Tobias und Vanessa erneut ein Leben retten können. Paraskevas, der Restaurantbesitzer vom Kyma hatte uns kontaktiert und berichtet, dass am Strand vor seinem Restaurant eine 18-jährige Syrerin angekommen war, deren Puls bedenklich niedrig war und die nicht mehr ansprechbar war. Tobias und Vanessa verabreichten ihr Infusionen durch die der jungen Frau ein Liter an Flüssigkeit zugeführt wurde. Nach einer Stunde hatte sich ihr Puls stabilisiert und die junge Frau konnte zur Erleichterung aller wieder lächeln. Paraskevas kochte ihr persönliche eine Fischsuppe und aus den Gesprächen erfuhren wir, dass die junge Frau vier Tage nichts gegessen und sehr sehr wenig getrunken hatte. Wäre die Frau nicht behandelt worden, wäre sie vermutlich in den nächsten Stunden gestorben. Immer wieder zeigt sich, dass eine medizinische Versorgung unbedingt notwendig ist. Da der lokale Doktor zur Zeit am anderen Ende der Insel tätig ist, stellen unsere beiden Paramedics tatsächlich die einzige ärztliche Versorgung – nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für die Griechen und auch für Touristen.

Als Julian abends mit anderen Helfern am Korakas unterwegs ist bietet sich ihnen ein beeindruckendes Bild. Auf dem Meer sind in kurzem Abstand 20 Boote in einer Linie unterwegs und steuern auf die Stände zu. Weitere starten gleichzeitig in der Türkei. Am Ende werden es über 30 Boote sein, die an diesem Abend und der Nacht ankommen sind, mehr als 1500 Menschen auf einmal. Und es ist klar, dass bisher niemand in der Lage ist so viele Menschen zu versorgen. Auch die Freiwilligen aus Molyvos, die bisher mit viel Herzblut die Erstversorgung in Sikaminia geleistet haben, können diese nun nicht mehr aufrecht erhalten. Gleichzeitig hat die Hafenpolizei in den letzten Tagen immer wieder die Busse für einige Stunden gestoppt, weil der Hafen von Mytilini überfüllt ist. Es bleibt den Helfern nichts anderes überig, als den Ankommenden die Lage zu erklären und ihnen zu sagen, dass vermutlich keine oder zu wenige Busse kommen werden. Es fällt uns schwer den Menschen dies mitzuteilen es ist immerhin unsere Pflicht den Menschen die Wahrheit zu sagen. In der Folge beginnen viele Menschen zu laufen. Immer deutlicher zeigt sich, dass nun langsam auch die schon bestehenden Hilfen zusammenbrechen. Die Helfer in Sikaminia bekommen die Anweisung sich zurück zu ziehen, um nicht durch zu wenige Hilfe mehr Chaos zu stiften. So bleibt uns allen nur, den Menschen wenigstens Informationen zu geben und darauf zu warten, dass wir am Dienstag starten können.

Zahl der Ankommenden steigt

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Während es mittags noch ruhig erschien kommen abends 26 Boote kurz hintereinander an den Stränden zwischen Skala Sikaminias und Eftalou an. Ungefähr 1500 Menschen benötigen so in kurzer Zeit Essen, Trinken, Informationen und Transport. Schnell ist klar, dass die Versorgung so vieler Menschen ohne Infrastruktur quasi unmöglich ist. Auch mit der Hilfe vieler Volunteers ist eine ordentliche Arbeit kaum möglich. Zwar versuchen alle ihr Bestes aber ohne Ort und verlässliche Informationen sind all diese Hilfen zwar gut gemeint und auch eine schöne Geste, die den Ankommenden ein gutes Gefühl gibt willkommen geheißen zu sein, jedoch ist dies ein Zustand der kaum lange aufrecht zu erhalten ist. Sollten in den kommenden Tagen weiterhin so viele Menschen kommen, werden auch diese Freiwilligen überfordert sein. Viele Helfer schlafen sehr wenig und geben alles was sie können, merken aber auch, dass sie schnell an ihre Grenzen kommen und Unterstützung brauchen. Wir hoffen daher sehr, dass wir ab Dienstag letztendlich die Papiere haben und beginnen können. Uns ist allen klar, dass auch wir anfangs nicht für so viele Menschen auf einmal da sein können. Daher werden wir uns in den ersten Wochen zunächst auf Familien und Kranke fokussieren müssen. Nach und nach werden wir dann die Kapazitäten unserer Station erhöhen um allen Ankommenden etwas bieten zu können.

Zukunftsaussichten

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Nach den Routinetätigkeiten des Tages, ärztlicher Versorgung und Mitkoordination der Busse haben Vanessa, Tobias und Julian am Nachmittag eine Ortsbegehung in der Käserei machen können. Mit dabei waren Dimitrakis, der für die Reparaturen verantwortlich ist, Maria und Nikos, die den Kontakt zu den griechischen Behörden hergestellt haben sowie Jannis, der Verwalter des Geländes. Ein paar Tage wird es noch dauern, bis wir das Zentrum eröffnen können, aber Dimitrakis versichert uns, dass er die anfallenden Reparaturen innerhalb von 2-3 Tagen erledigen kann. Auch die zunächst getätigte Aussage, dass wir keine Flüchtlinge ins Gebäude lassen dürfen, wird schnell revidiert und es wird uns erlaubt, dass wir in Notfällen, wie Regen oder Kälte die Menschen im unteren Bereich des Gebäudes schlafen lassen dürfen. Wir sind begeistert über das Entgegenkommen und den Platz, freuen uns auf die auf uns zukommende Arbeit und planen eifrig die Umsetzung. Auch die Kollegen von „Ärzte ohne Grenzen“ sind begeistert, dass nun endlich ein Platz im Norden der Insel entsteht, der den Flüchtlingen etwas zu bieten hat und der die ganze Arbeit erleichtert. Umgehend bieten sie an uns mit Material zu unterstützen sofern wir es brauchen. Wir sind erleichtert und euphorisiert und brennen darauf die Pläne in die Tat umzusetzen.

Leider bewahrheitet sich aber auch unsere Befürchtung, dass es mehr Todesfälle geben wird. Nach einem weiterem Toten gestern, wurden heute erneut drei Leichen geborgen, fünf weitere gelten als Vermisst. Jedoch besteht für uns wenig Hoffnung, dass sie noch lebend geborgen werden können. Fast zynisch ist daneben, die Ankündigung der Europäischen Union von vor einigen Tagen, die Frontex Mission in der Ägäis auszubauen und das Budget zu verdreifachen um den Zustrom von Flüchtlingen einzudämmen, indem sie in türkischen Gewässern Boote identifizieren und diese den türkischen Behörden melden, damit sie zurück in die Türkei gebracht werden. Die Frage was danach mit ihnen passiert scheint sekundär. Dass es Menschen davon abhalten wird den Versuch zu wagen nach Europa zu kommen ist auszuschließen. Denn die Menschen, die keine Perspektive in ihrer Heimat sehen werden alles versuchen um ihr Ziel zu erreichen. Die Wege werden vermutlich nur wesentlich gefährlicher werden, da sie versuchen werden die Grenzkontrollen zu umfahren, was zu längeren Fahrten auf offener See führen kann. Von ihrem Wunsch abbringen, in Europa eine Chance auf Leben zu haben werden diese Abschottungsmaßnahmen die Flüchtenden jedenfalls nicht. Denn nicht selten haben wir gehört, dass es ihre letzte Hoffnung ist und dass sie lieber hier dann auf See sterben als in der Heimat zu bleiben.

Endlich ein Platz!

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Proti Stassi hat fantastische Neuigkeiten. Nach langen Wochen des Verhandelns haben wir nun endlich einen Platz zugesagt bekommen. Es ist die ehemalige Käserei von Klio, die direkt an der Wegkreuzung der Straße nach Mytilini liegt. Für uns bedeutet das, dass wir nun in einigen Tagen endlich in vollem Umfang unsere Arbeit aufnehmen können und einen Platz für die geflüchteten aufbauen können, an dem sie nach der Überfahrt und den meist schlimmen Erlebnissen in der Türkei ein wenig ausruhen können, die Möglichkeit haben zu Duschen und auf Toilette zu gehen – das klingt komisch, aber bisher gibt es an keinem Ankunftsort auch nur eine Möglichkeit einer Toilette, geschweige denn einer Dusche -, Informationen zu bekommen, eine warme Mahlzeit, wenn benötigt frische Klamotten und eine Busfahrt nach Mytilini. Wir sind froh, dass diese „Proti Stassi“ – Erste Station – nun möglich wird. Es wird das bisher einzige solche Zentrum im ganzen Norden der Insel sein. Wir sind glücklich und stolz, dass sich unsere Arbeit nun endlich auszahlt und das Warten ein Ende hat und hoffen, dass wir dadurch mithelfen eine Struktur aufzubauen, die den Ankommenden etwas bieten kann und sie menschenwürdig behandelt.

1000 Menschen in Molyvos

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Heute wurde sichtbar, was passiert wenn keine Busse mehr die Flüchtlinge nach Mytilini transportieren. In den letzten Tagen gab es aufgrund der Situation im Hafen von Mytilini wenige Transporte von den Ankunftsorten im Norden der Insel in den Süden nach Mytilini. Besonders stark betroffen war Molyvos, wo daraufhin bis zu 1000 Menschen stecken blieben und auf dem Busparkplatz ausharren mussten. Als heute dann endlich wieder Busse fuhren wurde die Situation folglich sehr chaotisch, weil alle Menschen verzweifelt versuchten auf die Busse zu kommen. Tobias und Vanessa, die zuvor viele Stunden damit verbrachten die Wartenden medizinisch zu Untersuchen, halfen danach mit die Situation notdürftig zu ordnen. Glücklicherweise gab es sehr viele Busse, so dass knapp 800 Menschen eine Fahrt nach Mytilini bekommen konnten. Einige wenige machten sich danach zu Fuß auf den Weg, weil nie sicher zu sagen ist, wann der nächste Bus fahren wird. Letztlich blieben ca. 150 Menschen auf dem Parkplatz zurück und hoffen nun darauf morgen eine Fahrt nach Mytilini zu bekommen. Julian hat währenddessen weiterhin Wasser und Essen an diejenigen verteilt, die auf der Ostseite der Insel beschlossen haben zu laufen und steht laufend in Kontakt mit „Ärtzte ohne Grenzen“ um bei der Koordinierung zu helfen. Trauriger Weise erreichte uns auch die Nachricht, dass in der letzten Nacht ein Ertrunkener aus dem Wasser geborgen wurde. Das zeigt erneut, dass die Überfahrten trotz der vielen Ankommenden überaus gefährlich sind und für jeden Flüchtenden Lebensgefahr besteht. Insbesondere in Hinblick auf den kommenden Herbst und die sich verändernde Wetterlage sind wir in großer Sorge, dass es in naher Zukunft zu wesentlich mehr Todesfällen kommen wird.

Ein weiterer Paramedic

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Mittlerweile wissen wir von Panaiotis, dass er zwar einige schwere Brüche erlitten hat, aber nicht in Lebensgefahr schwebt. Wir sind erleichtert und freuen uns umso mehr, dass mit Vanessa, eine weitere Paramedic aus England unser Team für ein paar Wochen verstärkt. Fast als wäre es so geplant, begleitet uns heute ein Holländisches TV Team und berichtet über unsere Arbeit. Sie sind live dabei als am morgen drei Boote am Strand von Skala Sikamineas ankommen. Nachdem wir sichergestellt haben, dass alle wohl auf sind, fahren wir ins am Berg gelegenen Hauptdorf Sikaminea, um bei den bereits dort wartenden Flüchtlingen eine medizinische Versorgungen vorzunehmen. Neben kleineren Verletzungen treffen wir auf einen Mann, dessen Zehen bereits abgestorben sind und weiten Teilen seiner Füße das Gleiche droht. Wir fragen uns, wie der Mann mit den Verletzungen so weit gekommen ist, aber angesichts der Dinge, die Flüchtlinge auf ihrem Weg bis hierher erleben, blieb ihm wohl keine andere Wahl. Medizinissche Versorgung hat er jedenfalls schon länger keine erhalten. Nachdem Tobias und Vanessa erstversorgt haben, stellen wir sicher, dass er mit dem nächsten Bus nach Mytilini kommt, damit er ins Krankenhaus kommt. Nachdem sich das TV Team durch eingige Situationen einen Überblick über unsere Arbeit verschaffen konnte, fahren wir nach Mantamados. Wir setzen uns mit unserem Kollegen Ben von ‚Ärzte ohne Grenzen‘ in Verbindung, um für die zum Teil bereits seit zwei Tagen wartenden Flüchtlinge einen Bus zu organisieren. Unter ihnen sind zahlreiche Kranke, schwangere Frauen und Kleinkinder, die sich den Marsch nicht zutrauen. Ben versichert uns den Bus zu schicken, bittet uns aber dazubleiben, um mitzuhelfen, einen möglichst geregelten Einstieg in den Bus zu ermöglichen. Denn nach den Erfahrungen der letzten Tage sind viele Busfahrer mit der Situation alleine überfordert. Verständlich, wenn nur 50 Plätze für 100 Wartende vorhanden sind und alle darum bitten auf den Bus zu kommen. Auch für uns immer eine schwierige Situation. Denn wer hat nach den Kranken, schwangeren Frauen und alten Menschen ein Anrecht auf die wenigen verbleibenden Plätze und wer nicht? Nur viel Reden hilft schließlich den Bus einigermaßen reibungslos mit Menschen zu besetzen. Der Rest macht sich danach umgehend zu Fuß auf den Weg, damit sie nach voraussichtlich nach sieben Stunden Fußmarsch wieder bei ihren Familien sein können.

Notfall im Dorf

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Der Morgen beginnt für Karen und Julian dramatisch. Als sie gerade Brot bei Paraskevas abholen wollen, kommt Yorgos angerannt und berichtet von einem Unfall bei Bauarbeiten an einem Haus. Panaiotis ist aus mehreren Metern Höhe mitsamt dem Gerüst zu Boden gestürzt und hat sich ernsthaft verletzt. Die erste Diagnose lässt schlimmes befürchten. Schnell ist ein Krankenwagen gerufen aber es dauert bis er, nachdem er über die halbe Insel fahren musste, ankommt. Wieder einmal wird uns bewusst, wie limitiert die ärztliche Versorgung auf der Insel ist und wir sind umso froher, dass wir mit Tobias einen Paramedic in unserem Team wissen, der sowohl Flüchtlinge als auch die Dorfbewohner versorgen kann.

Nachdem Panaiotis mit dem Krankenwagen unterwegs ist, machen sich Karen und Julian auf den Weg, um auf der Strecke zwischen Mantamados und Thermi, einem besonders trockenen Wegstück der Strecke nach Mytilini, diejenigen mit Wasser und Koulouri zu versorgen, die aufgrund der mangelnden Busverbindungen laufen müssen. Dabei erkunden sie auch die auf der Strecke liegenden Brunnen, um den Reisenden genauere Informationen über vorhandenes Wasser geben zu können. Glücklicherweise sind weniger Menschen unterwegs als zunächst erwartet. Trotzdem beschließt das Team voraus zu planen und montiert mit Hilfe von Dimitrakis, der uns einen großen Wassercontainer zur Verfügung stellt, diesen im Sprinter, um für den Fall, dass die Busse wieder unzureichend verkehren, bereit zu sein viele Menschen unterwegs versorgen zu können. Denn durch die fehlenden Verbindungen sammeln sich mittlerweile immer mehr Menschen an den Ankunftsorten. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich die Straßen wieder füllen, sollten nicht bald mehr Busse eingesetzt werden.

Mehr Schiffe?

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Wie zuvor schon auf der Insel Kos weiter südlich, so sollen jetzt auch vor Lesbos riesige Fährschiffe als Registrierungsstelle und Transportmittel eingesetzt werden. Doch viele Fragen bleiben offen: werden auch hier wieder die syrischen Flüchtlinge bevorzugt, während alle anderen Gruppen – Afghanen, Iraker, Kurden, Somalier – zurück bleiben?Wie zuvor schon auf der Insel Kos weiter südlich, so sollen jetzt auch vor Lesbos riesige Fährschiffe als Registrierungsstelle und Transportmittel eingesetzt werden. Doch viele Fragen bleiben offen: werden auch hier wieder die syrischen Flüchtlinge bevorzugt, während alle anderen Gruppen – Afghanen, Iraker, Kurden, Somalier – zurück bleiben?

Auch für unser Team ist die Geduldsprobe noch nicht zu Ende: anstelle des alten Schulhauses will uns die Inselverwaltung nun doch den leerstehenden Militärposten am Ortsrand öffnen. Wir zweifeln nicht an der Entschlossenheit der Bevölkerung und ihrer politischen Vertreter. Aber wann wird es endlich soweit sein, dass wir uns an die Umbauarbeiten machen können, um ein festes Winterquartier für Flüchtlinge zu errichten? Denn jetzt im Sommer sind Übernachtung und Versorgung relativ einfach zu organisieren. Im Winter aber kann es auf den Inseln der Ägäis empfindlich kalt werden. Bis zu minus 20 Grad wurden schon gemessen. Dann müssen feste Gebäude her, in denen sich durchnässte und durchgefrorene Menschen wieder aufwärmen können.

Wenn wir eine „Proti Stassi“ gleich als winterfestes Quartier errichten könnten, wäre dies die erste Einrichtung ihrer Art auf der Insel.

Unser Optimismus ist ungebrochen. Zum Zeichen, dass wir es wirklich ernst meinen, haben wir heute in Klio ein Häuschen für unser Team angemietet. Das Dorf soll wissen, dass wir zu unserem Wort stehen.

Die Flüchtlinge wehren sich

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Die Verhältnisse im Hafen von Mytilini sind unerträglich geworden: bis zu 800 Flüchtlinge drängen sich bei der unausweichlichen Registrierung vor einem einzigen (!) besetzten Schalter. Polizei, Küstenwache und sogar das Militär gehen in Stellung – und prompt kommt es zur Gewalt. Flüchtlinge wehren sich mit Zeltstangen gegen die Schlagstöcke der Beamten. Daraufhin wird der Hafen abgeriegelt. Die Küstenwache stellt vorübergehend komplett den Betrieb ein – auch die wenigen Busse, die bisher die Angekommenen aus allen Teilen der Insel abgeholt haben, werden zurück beordert. Heute geht nichts mehr. Die Straßenkreuzung beim Dorf Skala Sikamineas hat sich in ein riesiges Nachtlager verwandelt, als Tobias dort seine abendliche Runde macht. Später in der Nacht fährt Julian noch einmal dieselbe Strecke ab. Viele Menschen liegen schlafend auf dem warmen Asphalt, jeweils einer der Flüchtlinge versucht herannahende Autofahrer durch das Schwenken einer Taschenlampe vor der Gefahr zu warnen. Die Vorstellung, dass jemand in Europa durch einen Unfall verletzt wird, der zuvor aus einem Kriegsgebiet entkommen war … entsetzlich. Und realistisch.