Gute Reise!

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Wieviele hundert Menschen haben wir bisher in Empfang genommen? Wieviele Brote belegt, wieviel Wasser verteilt? Und für wieviele Flüchtlinge konnten wir wenigstens ein spartanisches Schlaflager bereiten? Wir wissen es nicht genau. Alle sind froh, wenn am Ende der Bus kommt, der für die nächste Etappe der Flucht sorgt. Aber an einzelne Gesichter, Geschichten und Schicksale werden wir uns erinnern. Das herzkranke Mädchen A., dass wir mit seiner Mutter ins Krankenhaus bringen konnten. Der kleine Iraker mit dem Trikot von „Borussia Dortmund“, der von einer Karriere als Fußballer träumt. Die neun Somalier, die mitten in der Nacht plötzlich auf dem Dorfplatz von Klio auftauchten, schwer mißhandelt von türkischen Soldaten, drüben am anderen Ufer.

Einzelnen haben wir unsere Telefonnummern oder Internet-Adressen gegeben. So erfahren wir, wie ihre Geschichte weitergeht. Erstaunlich, wie schnell sie in Serbien waren … und die ersten haben sich auch schon aus Deutschland gemeldet. Willkommen daheim!

Grenzübertritt verboten!

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Nur wenige hundert Meter vor unserem Posten am Kap Korakas können wir heute einen FRONTEX-Einsatz gegen Flüchtlingsboote beobachten. Es ist ein norwegischer Küstenwacht-Kreuzer, der in griechischen Gewässern zwei ankommenden Schlauchbooten entgegenfährt. „Border Control“ steht auf der Seite des Schiffes. Was die Besatzung den Flüchtlingen per Megafon zuruft, können wir bis ans Ufer hören: „You are not allowed to cross the border!“ Das ist ersichtlich Blödsinn. Denn die Boote befinden sich ja längst in griechischen Gewässern – und sind damit bereits in Europa! Das Einzige, was hier verboten ist, wäre der Versuch, die Boote zurück zu drängen in Richtung auf die türkische Küste. Das wissen wohl auch die Flüchtlinge. Nach ihrer Ankunft berichten uns syrische Familien, wie sie mit der amtlichen Weisung der Norweger umgegangen sind: „Wir haben ihnen unsere Kinder entgegengehalten und sind einfach weiter gefahren!“

Begehrte Motoren

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Tobias und Julian machen am Morgen die Routinerunde über Skala Sikamineas und Klio. Unten am Kap von Korakas landet ein Boot unmittelbar vor ihren Füßen. Die Landung gelingt diesmal besser als in anderen Fällen. Männer, Frauen und Kinder gelangen überwiegend trockenen Fußes ans Ufer. Dort treffen sie auf Männer aus der Umgebung, die ihnen zwar helfen, das Boot zu verlassen, aber nicht aus purer Hilfsbereitschaft. Hier geht es ums Geschäft: die Motoren, die die überfüllten Schlauchboote antreiben, stellen durchaus einen Wert dar. Also stehen die Männer Schlange, um sich einen der begehrten Außenborder zu sichern. Auch Schlägereien zwischen rivalisierenden Motor-Räubern haben wir schon beobachtet. Die 40-50 PS starken Maschinen sind zu einem sehr gefragten Wirtschaftsgut geworden: so kurbeln die Flüchtlinge den (Schwarz-)Handel auf Lesbos an.

Kafka in Griechenland

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Gelegentlich kommen wir uns vor, wie in einer Geschichte von Franz Kafka: die Mühlen der Bürokratie mahlen, der Amtsschimmel wiehert … und immer wieder tauchen neue Hindernisse auf. Dabei begegnen uns die Dorfbewohner von Beginn an mit Freundlichkeit und Respekt. Sie sind längst überzeugt, dass „Proti Stassi“ nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch dem Dorf Klio hilft. Doch die offizielle Genehmigung für uns steht weiterhin aus. War zunächst nur von der Entscheidung des Gemeinderats die Rede, soll nun auch noch die Schulbehörde gehört werden. Und heute ist Sonntag! Außerdem herrscht auch in Griechenland Ferienzeit! Wie wird es also am Montag weitergehen? Lässt man uns am Ende doch noch auf dem Amtsweg verrecken?

Endlich eine Entscheidung?

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Der Dorfvorsteher beruft für den Abend den Gemeinderat ein. Auch wir sollen dort erscheinen und Rede und Antwort stehen. Pünktlich um 21 Uhr finden wir uns im kleinen Gemeindebüro ein. Wir legen eine schriftliche Projektbeschreibung vor – auf Griechisch, versteht sich! – und beantworten geduldig Fragen über unsere Arbeit. Am Ende fällt die Entscheidung einstimmig aus, bei einer Enthaltung: wir sollen die alte Schule als „Proti Stasssi“ nutzen können. Wir bedanken uns herzlich für das Vertrauen, das man uns in Klio entgegenbringt. Oder haben wir uns etwa zu früh gefreut? Denn jetzt heisst es plötzlich: die obere Schulbehörde muss auch noch zustimmen …

Besuch bei Kollegen

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Bis die Entscheidung gefallen ist, nutzen wir die Zeit zu einem Ausflug in die Inselhauptstadt Mytilini. Vor einigen Tagen waren Kollegen von „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) bei uns im Projekt aufgetaucht und hatten zum Gegenbesuch eingeladen. Der ist jetzt fällig.
Wir tauschen unsere bisherigen Erfahrungen aus. Auch bei Elisabeta, der MSF-Projektleiterin ist die Frustration über das schwierige Verhältnis zu den griechischen Behörden spürbar. Dagegen hat ihr ausgesprochen gut gefallen, was sie über unsere Arbeit in Klio gehört hat. Sie bietet ganz offiziell eine Kooperation an: wenn wir die Erstversorgung der Gestrandeten mit Kleidung, Essen, Trinken, sowie medizinischer Betreuung in Klio organisieren, dann will MSF einen eigenen Bus einsetzen, der für die Flüchtlinge in unserem Bereich eine sichere – und zuverlässige! – Weiterreise garantiert. Das ist immerhin eine gute Nachricht.

„Proti Stassi“ streikt!

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Wir haben klar gemacht, dass wir unter den hygienischen Bedingungen des Dorfplatzes nicht mehr weiter arbeiten können und -werden. Um unsere Entschlossenheit zu unterstreichen, haben wir den vorübergehend genutzten Spielplatz heute – nach der Abreise der letzten Gruppe – geräumt und besenrein hinterlassen. Wir streiken. Auch für das Team ist es unzumutbar, weiter zu machen wie bisher. Im Dorf überwiegt das Verständnis für unsere Position. Von allen Seiten erhalten wir Zuspruch, jetzt bloß nicht aufzugeben! Das wollen wir auch nicht. Aber entweder wir erhalten nun endlich einen Platz, auf dem wir ordentlich arbeiten können, oder wir müssen gehen. Zwei Gelände scheinen uns geeignet: entweder der verlassene Armeeposten außerhalb des Dorfes, oder die alte Dorfschule von Klio, in der wir ja bereits unser Materiallager haben. Oder gibt es weitere Möglichkeiten? Die Verhandlungen laufen, sagt man uns …

Fußmarsch nach Mytilini

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Seit 30 Stunden ist nun kein Bus mehr gekommen! Die Lage auf dem provisorischen Lagerplatz ist unerträglich. Wir können niemandem mehr erklären, dass er weiter warten soll. Man glaubt uns nicht mehr. Und die Brote und Wassermelonen, die wir den Flüchtlingen reichen, sind auf Dauer auch nicht programmfüllend. Schon ziehen die ersten los, machen sich zu Fuß auf den gefährlichen Weg in die 50 Kilometer entfernte Inselhauptstadt. Wir können die Menschen nicht aufhalten. Deprimiert sehen wir zu, wie Familien mit kleinen Kindern, wie schwangere Frauen und Alte über die Dorfstraße hinausziehen in Richtung Süden. Am Abend treffen wir im Team die Entscheidung: wir brechen ab, zumindest vorübergehend!

Wo bleiben die Busse?

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Wieder kommen hunderte Flüchtlinge über die Staubpiste von der Küste zu uns ins Dorf hinauf gelaufen. Alice und Julian haben entlang der Wege Schilder angebracht, die zur nächsten Wasserstelle weisen. Außerdem sind die Kilometer bis zum Ziel vermerkt: „Bus Stop 3 km“ steht da etwa. Kein Wunder, dass die Männer, Frauen und Kinder, die den Fußmarsch geschafft haben, vor allem wissen wollen, wann denn der Bus nach Mytilini abfährt? Ehrlich gesagt: wir wissen es nicht. Tobias hält den Kontakt zur Küstenwache, die für den Transport versntwortlich ist. Aber von dort sind keine konkreten Angaben zu erhalten. Manchmal dauert es Tage, bis ein Bus kommt. Also vertrösten wir die Menschen mit kleinen Mahlzeiten, teilen vereinzelt trockene Kleidung aus, Windeln für die Kleinsten… Gegen 23 Uhr müssen wir einsehen, dass weiteres Warten sinnlos ist. Aus Schlafsäcken und Decken (eine Spende der Wiener Caritas) bereiten wir ein notdürftiges Nachtlager. Über 200 Menschen liegen aneinander gedrängt auf dem kleinen Kinderspielplatz im Dorf, der uns als provisorisches Camp dient. Ein friedliches Bild. Aber wir wissen doch: so können, so dürfen wir nicht mehr weiter arbeiten! Wir brauchen einen Platz, der zumindest über Toiletten und menschenwürdige sanitäre Einrichtungen verfügt.

Touristen verstärken das Team

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Heute erhält das Team spontane Verstärkung aus Norddeutschland. Ute und Conny, die im Haus von Freunden Urlaub auf der Insel Lesbos machen, haben von unserem Projekt gehört und melden sich mit der Frage, ob sie sich bei „Proti Stassi“ nützlich machen können? Und ob! Mit dem eigenen Mietwagen kommen die beiden am Vormittag aus Molyvos herübergefahren und steigen ohne Zögern ein: auf den großen, weissen Plastiktischen des Kafeneions (Nikos, der Wirt, hat sie uns als provisorische „Küche“ angeboten) wird Brot geschnitten, Tomaten, Wassermelonen. Erstmals bereichert auch der wunderbare, lokale „Feta“-Käse die Speisekarte. Oliven gibt es auch – und die ofenfrischen Sesamringe aus der Produktion von Paraskevas, dem Dorfbäcker. Tisch um Tisch wird herausgetragen und den Gästen serviert. Kein Wunder, dass „Proti Stassi“ sich bereits einiger Beliebtheit erfreut. Bei einem Kurzbesuch um chaotischen Flüchtlingslager „Kara Tepe“ nahe der Inselhauptstadt treffen wir viele der Syrer wieder, die am Vorabend noch unsere Gäste waren. Sie laufen uns entgegen und zeigen uns ihre Übergangsbehausungen. Wenigstens gibt es hier mittlerweile primitive Duschen und einige Toiletten. Soweit sind wir in Klio leider noch nicht, die Verhandlungen um die Nutzung des Armeepostens dauern noch an.

Am Abend sind es schon fünf Busse, die heute Flüchtlinge aus Klio abgeholt haben. „Früher ist nie ein Bus zu uns gekommen“, berichten die Dorfbewohner, „die waren immer nur für die Touristenorte da!“ Ist das ein Erfolg? Bedingt. Denn wir wissen natürlich, dass mit der Abreise nach Mytilini die große Frage noch nicht gelöst ist: die EU muss schnell eine Lösung finden, wie die Ankommenden an den Aussengrenzen auf die Mitgliedsstaaten verteilt werden können. Nach dem Kollaps des Aufnahmesystems auf den Inseln nimmt der Druck nun für das ganze Land zu – mit unwägbaren, politischen Folgen für die Hauptstadt. Dort sammeln sich die gestrandeten Flüchtlinge – und die Bilder von überfüllten Zelten in den Athener Parks sind Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen.