Lebensrettung auf dem Biertisch

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Als Tobias heute mit dem Jeep am Leuchtturm eintrifft, erwartet ihn sein erster Notfall-Patient. Flüchtlinge tragen den Körper eines jungen Mannes über die Felsen herauf. Als Unfall-Notarzt ist unserem Projektleiter schnell klar, dass hier unmittelbare Lebensgefahr besteht: der Blutdruck des 22-jährigen ist so niedrig, dass kaum noch Puls zu messen ist. Außerdem ist der Mann unterkühlt. Im Jeep wird der entkräftete Mann nach einer Erstversorgung liegend nach Klio hinauf gebracht. Dort hat das Team bereits im Kafeneion auf dem Dorfplatz eine provisorische Praxis aufgebaut: ein Biertisch aus dem Baumarkt dient als Behandlungsliege. Im Beisein seiner Freundin erhält der junge Mann eine  Infusion. Die Begleiterin schildert uns, was geschehen ist. Das Boot war bei der Abfahrt aus der Türkei so hoffnungslos überladen, dass mehrere Flüchtlinge, die bereits an Bord waren, wieder ins Wasser mussten, um an die Küste zurück zu schwimmen. Weil der junge Syrer aber seine Freundin nicht verlassen wollte (auch seine Schwester war auf dem Boot), hielt er sich während der gesamten, gut zweistündigen Überfahrt aussen an einem Seil fest und liess sich im Wasser mitziehen.

Tobias erklärt uns später, dass Sahid wohl nach wenigen hundert Metern gestorben wäre, wenn die anderen Flüchtlinge versucht hätten, ihn während des Fussmarsches aufrecht zu halten. Sein Herz hätte einfach aufgehört zu schlagen.

Wir sind betroffen und fragen uns, wieviele weitere Menschen wohl unerkannt in akuter Lebensgefahr bei „Proti Stassi“ ankommen? Auf jeden Fall werden wir im Team bei nächster Gelegenheit einen Auffrischungskurs in Erster Hilfe durchführen.

Tagelang ohne Nahrung?

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Als wir am Morgen zur Erkundung zum Leuchtturm von Korakas herunter fahren, kommt uns ein völlig überladenes Schlauchboot von Seeseite entgegen. Zwei, drei unbeholfene Steuermanöver, dann kracht es in voller Fahrt gegen die felsige Küste. Elias, Alice und Doro sind sofort bei den Flüchtlingen, während Julian Szene mit der Kamera festhält und anschliessend am Jeep Wasserflaschen bereitstellt. Im Chaos der Ankunft werden Kinder ans Ufer gereicht. Am Ende sind es wieder mehr als 50 Menschen – diesmal überwiegend aus Syrien – die an dieser unwirtlichen Stelle zum ersten Mal europäischen Boden betreten.

Wir sind nun besser vorbereitet und haben im Dorf ausreichend Lebensmittel beschafft, um eine erste Mahlzeit zu bereiten. Flüchtlinge berichten uns, dass sie von den Schleppern auf der türkischen Seite drei Tage und Nächte in einem fensterlosen Verschlag eingesperrt wurden, ehe man sie auf das Schlauchboot trieb. So verstehen wir auch, warum viele der Ankommenden so entkräftet sind: sie haben – abgesehen vom Stress der gefährlichen Überfahrt – oft seit Tagen nichts gegessen!

Genug Trinkwasser, aber…

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Während immer neue Boote ankommen, wird deutlich, wie unzureichend die Verhältnisse auf dem Dorfplatz auf Dauer sind. Zwar steht Trinkwasser in ausreichender Menge am Brunnen zur Verfügung, aber es fehlen Toiletten und ein geeigneter Ort, an dem wenigstens die Frauen unbeobachtet ihre nasse Kleidung wechseln können. Der Dorfvorsteher hat die Regierung in Athen eingeschaltet, um die Freigabe des ehemaligen Militärpostens am Orteingang von Klio zu erwirken. Im Innenministerium heisst es, man verhandle mit dem Verteidigungministerium. Ausgang ungewiss.

Doch die Flüchtlinge erlauben keine weiteren Aufschub. Gruppe um Gruppe kommt an der Küste an. Wir fahren mit dem Jeep entgegen und bringen Wasser, nehmen kleine Kinder, Alte und das Gepäck mit hinauf ins Dorf. Dimitrakis, der lokale Bauunternehmer unterstützt uns mit seinem geländegängigen Pick-up. Fahrzeuge ohne Allradantrieb haben auf der tief zerklüfteten, steilen Piste von vornherein keine Chance.

Begrüßung in Landessprache

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Bis wir einen geeigneten Platz für unsere „Proti Stassi“ beziehen können, muss improvisiert werden: am Dorfplatz, zwischen Kriegerdenkmal und Kinderspielplatz, fangen wir mit der Arbeit an. Denn die ersten Flüchtlinge des Tages lassen nicht lange auf sich warten. Unser Erkundungsteam hat sie am Morgen bei Korakas entdeckt und mit Wasserflaschen versorgt. Entkräftet kommen rund 50 afghanische Männer, Frauen und Kinder nach der gefährlichen Überfahrt und dem rund zweistündigen Fussmarsch von der Küste herauf ins Dorf. Im Schatten der Bushaltestelle können wir ihnen aus Planen einen einfachen Lagerplatz bauen.

Unser Team-Mitglied Alice aus Berlin, die als Anthropologin in Afghanistan gearbeitet hat, spricht die Angekommenen zu deren Überraschung in der Landessprache Farsi an.

Schnell fassen die Flüchtlinge Vertrauen und nehmen dankbar das kärgliche Mahl an, das wir ihnen zur Stärkung reichen können: Kekse, Zwieback mit Tomaten, dazu Wassermelone. Unserem Teamleiter Tobias gelingt es, über die Küstenwache einen Bus zu organisieren, der die Gruppe zur amtlichen Registrierung nach Mytilini bringt.

Am Abend ziehen wir im Team Resumee. Ein Anfang ist gemacht. Aber es gibt noch sehr viel zu tun – und auch Vieles besser zu machen.

Kein Ort, nirgends?

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Die Dorfbevölkerung von Klio erweist sich als überaus freundlich und aufgeschlossen. Die rund 400 Einwohner fühlen sich schon seit Monaten allein gelassen mit dem schier endlosen Treck der Flüchtlinge, der über die neun Kilometer von der Küste ins Dorf hinaufzieht. „Ihr kommt uns wie gerufen“, bekommen wir mehr als einmal zu hören – und schon am ersten Abend wird uns jene Gastfreundschaft zuteil, die in Griechenland Tradition ist: „Philoxenia“ – „Fremdenfreundschaft“ heisst das Wort dafür. Und die Dörfler teilen mit uns Essen und Trinken, während sie genau wissen wollen, was wir vorhaben.

Jedem ist klar, dass wir vor allem ein geeignetes Gelände brauchen, auf dem wir unsere „Proti Stassi“ aufbauen können – mit Wasser- und Stromanschluss. Der ehemalige Militärposten am Ortsausgang, unmittelbar an der Hauptstraße Richtung Mytilini wäre der ideale Ort, darüber herrscht rasch Einigkeit. Der Dorfvorsteher verspricht, sich darum zu kümmern. „Das kriegen wir schon hin!“, zeigt er sich optimistisch. Auch ein Team-Quartier für uns werde sich bald finden.