Allrad-Unterstützung

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Für die extrem schwierigen Pisten an der Küste rund um Kap Korakas brauchen wir dringend geeignete Fahrzeuge. Denn die Regenzeit naht und die Wege werden für normale Autos bald unbefahrbar sein. Jetzt konnten wir in Stendal den ersten Allrad-Pickup für „Proti Stassi“ übernehmen und in Richtung Griechenland schicken.
Bis zur Ankunft werden sich die politischen Unstimmigkeiten zwischen dem Gemeindevorstand von Klio und dem Bürgermeister in Mytilini hoffentlich geklärt haben. Jedenfalls wollen wir zeigen, dass unser Team 100%ig zu seinem verabredeten Einsatz steht – zur Unterstützung der Flüchtlinge UND der Dorfbevölkerung.

Sturm am Korakas

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Auf der Insel gab es in den letzten Tagen immer wieder heftige Regenschauer und Sturmböen, die die Überfahrt für die Menschen äußerst gefährlich machen. Auch heute Mittag zog sich der Himmel auf der Meerenge zwischen Korakas und der gegenüberliegenden türkischen Küste plötzlich zu und es kam zu heftigen Regenfällen mit starkem Wind. Als das Team sich unten am Leuchturm einen Überblick verschaffte, wiesen uns die dort sitzenden Fischer direkt auf mehrere Boote hin, die schon seit zwei Stunden versuchten gegen Wind und Strömung anzukommen um die griechische Küste zu erreichen. „Sie bewegen sich sehr langsam, wahrscheinlich geht ihnen bald der Sprit aus“, meint Panaiotis als er durch sein Fernglas schaut. Und tatsächlich scheint sich eines der Boote nicht mehr vorwärts zu bewegen. Das Team beschließt die Küstenwache zu benachrichtigen. „Es sind viele Boote in Seenot, wir haben alle Hände voll zu tun“, ist die Antwort. Trotzdem nähert sich nach gut 20 Minuten ein großes Marineschiff dem kleinen im Sturm treibenden Schlauchboot und nimmt die Insassen nach einigen Minuten an Bord. Andere Boote haben mehr Glück und kommen von selbst an, auch wenn immer wieder zwischenzeitlich die Motoren ausfallen und sie längere Zeit von den Wellen durchgeschüttelt werden. Oft legt sich der Sturm nach einigen Stunden wieder, aber eines ist klar: das Wetter wird von Tag zu Tag zunehmend schlechter. Trotzdem scheint auch das die Flüchtenden nicht davon abzuhalten die riskante Fahrt, so gefährlich sie auch sein mag, zu wagen, in der Hoffnung Europa lebend zu erreichen. Angesichts dieser weiterhin stattfinden Versuche und dem bevorstehenden Winter müssen wir leider davon ausgehen, dass sich die Meldungen über gesunkene Schlauchboote vor den ägäischen Inseln in den nächsten Monaten häufen werden.

Baustelle blockiert

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Seit dem Vormittag blockieren Männer und Frauen aus den Dörfern Klio und Kapi unsere Baustelle an der ehemaligen Molkerei. Gestern abend war die Bevölkerung über die amtlichen Lautsprecheranlagen aufgerufen worden, die weitere Arbeit an unserer „Proti Stassi“ zu verhindern.
Diese Entwicklung kommt für uns vollkommen überraschend. Erst am Mittwoch hatte uns der Dorfvorsteher von Klio noch versichert, es sei Alles in Ordnung.
Der Widerstand bezieht sich auf Gerüchte, nach denen in der Molkerei die zentrale Registrierungsstelle für Flüchtlinge der ganzen Insel errichtet werden könnte. Doch davon war nie die Rede. Außerdem wäre das Gelände für eine derartige Einrichtung viel zu klein. Damit die Arbeiten weitergehen können, muss nun vor Allem eine politische Einigung her – zwischen dem Bürgermeister in Mytilini und den Dorfvorstehern. Wir hoffen, dass sich die Missverständnisse rasch klären lassen – und unsere „Proti Stassi“ die Pforten öffnen kann, ehe die Herbststürme beginnen.

Farbe, Fenster & Strom

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Nach all den Tagen an denen immer nur schrittweise gearbeitet werden konnte, weil zunächst kein Wasser, dann kein Strom da war, war der heutige Besuch der Baustelle eine wahre Freude. Uns ging das Herz auf als wir ans Tyrokomio kamen und an allen Ecken und Enden gleichzeitig gearbeitet wurde. Dimitrakis mit seinen Arbeitern mauerte das Waschbecken, Dimitris und sein Vater sind mit dem Anschluss der Duschen und Toiletten einen riesigen Schritt voran gekommen, Giorgios und sein Team haben die Fassade gestrichen, Stephanos hat die Fenster repariert und Paris hat heute erneut einige Telefonate führen müssen, aber dann doch endlich den Strom anschließen können. Wir haben das Gefühl das nun endlich alle auf der Baustelle auch daran glauben, dass „Proti Stassi“ wirklich bald eröffnet wird und mit vollem Elan an diesem Ziel arbeiten. Wenn dieses Tempo beibehalten wird, dann werden wir bald endlich und fast pünktlich mit dem kommenden Herbst unsere „Erste Station“ für die Gäste eröffnen können. Was für ein guter Tag, der unserem Team wieder einen Schub gegeben hat und uns zeigt, dass unsere Arbeit, wenn auch langsam, aber letztendlich Früchte trägt!

Trauer und Wut

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Als wir am Morgen die Hubschrauber über der Bucht von Thermi kreisen sehen, ahnen wir nichts Gutes. Gegen Mittag ist es dann Gewissheit: wieder sind mindestens 13 Menschen im Meer vor Lesbos ertrunken, darunter ein 5jähriges Kind. Fischer berichten uns, wie sie die Schreie der Schiffbrüchigen am Ufer gehört haben.
Wir sind traurig – aber auch wütend! Denn niemand müsste mehr ertrinken, wenn die EU Flüchtlingen erlauben würde, auf legalen Wegen zu uns zu kommen. Es sind nicht die bösen Schlepper, die Menschen auf die wackligen Boote zwingen. Es ist eine heuchlerische Politik, die Schutz und Hilfe verspricht – aber den Schutzsuchenden verbietet, die Fähre zu nehmen, die mehrmals täglich zwischen der türkischen Küste und der Insel Lesbos hin- und her fährt.

Applaus im Fischerhafen

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Das Meer ist ruhig, die Sonne scheint. Am Horizont sind sie  zunächst nur als schwarze, kleine Striche zu sehen. Sobald sie näher kommen, erkennt man die Menschen in ihren orangenen Westen, die dicht gedrängt in den Schlauchbooten sitzen. Zunächst fünf, dann zehn, fünfzehn Boote können wir mit bloßem Auge ausmachen. Mit dem Fernglas sehen wir dann, dass es noch weit mehr sind.
Innerhalb einer Stunde landen allein am Strand des „Aphrodite“-Hotels in Molyvos sechs vollbeladene Flüchtlingsboote. Entlang der Küste in Richtung Kap Korakas werden am Vormittag rund 1.700 Menschen gelandet sein.
Eines der Boote treibt mit Motorschaden draußen auf See. Ein Ausflugsdampfer nimmt die Schiffbrüchigen ins Schlepp und bringt sie sicher in den kleinen Fischerhafen Skala Sykamineas. Bei der Ankunft fangen die Menschen spontan an zu klatschen: die afghanischen Männer im Schlauchboot zunächst, dann auch die Touristen an Bord der „Mercury Express“. Welcome to Europe.

Es wächst was!

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Auch wenn man dem Gebäude von außen noch kaum etwas ansieht. Der Umbau der alten Molkerei in Klio in unsere „Proti Stassi“ ist in vollem Gange! Die Baukolonno von Meister Dimitrakis hat zunächst alle Räume entrümpelt und die Chemikalien entsorgt, die noch tonnenweise von der grüheren Käseproduktion übrig geblieben waren.
Dann wurden neue Böden gegossen, die kaputten Fenster ersetzt und neue, isolierte Decken eingezogen. Der Wasseranschluß ist gelegt, spätestens morgen (heiliges Ehrenwort des Elektrikers!) soll auch der Strom fließen.
Auf der Suche nach einem Unterstand für unsere künftigen Gäste haben wir uns für eine unkonventionelle Lösung entschieden. Anstelle der üblichen Zelte werden wir ein Gewächshaus bauen, das im Sommer Schatten- und im Winter Schutz vor Regen und Kälte bietet!
Der Hersteller war von unserer Anfrage so begeistert, dass er spontan anbot, uns alle Teile zum Selbstkostenpreis zu liefern. Das ist immer noch eine beträchtliche Summe. Aber uns gefällt die Idee, dass da bei „Proti Stassi“ künftig etwas wachsen könnte.
Eine neue Kultur des Miteinanders zum Beispiel?

Boote, Boote, Boote …

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Am Morgen sieht Tobias aufs Meer hinaus. „Sehr ruhige See“, stellt er nüchtern fest, „heute werden sehr viele Boote kommen!“ Wir wissen, dass er Recht hat, auch wenn zunächst kaum etwas zu sehen ist. Von der Küste bei Skala Sykamineas aus beobachten wir, wie die türkische Küstenwache ein Flüchtlingsboot aufbringt, die Passagiere an Bord nimmt und zurück in die Türkei transportiert. Auch zwei griechische Küstenwacht-Schiffe sind in der Meerenge unterwegs, die Asien von Europa trennt. Von den typischen, schwarzen Schlauchbooten, auf denen seit Februar schon 90.000 Menschen die Überfahrt nach Lesbos geschafft haben ist nichts zu sehen.
Am frühen Nachmittag ändert sich das Bild schlagartig: die Küstenwache zieht sich auf beiden Seiten wie auf ein Kommando zurück … und dann kommen sie! Mit dem Fernglas können wir von unserem Beobachtungsposten am Cap Korakas 8 Boote ausmachen, die in unsere Richtung unterwegs sind. Später werden es 14 Schlauchboote sein, die binnen weniger Stunden allein in dem kleinen Küstenabschnitt zwischen Skala Sykamineas und Eftalou landen. Wieder rund 700 Menschen, die es nach Europa geschafft haben.

Müllprobleme

Neben der humanitären Katastrophe erfährt die Insel Lesbos durch die täglichen Ankünfte immer neuer Flüchtlingsboote auch ein gewaltiges Umweltproblem. Tausende Schlauchboot-Wracks und zehntausende Schwimmwesten, Auto-Schläuche, Plastiktüten und -Flaschen … viele Strände haben sich in Müllkippen verwandelt und an den Straßen in Richtung Hauptstadt haben sich hunderte Tonnen Abfall gesammelt.
Während unserer Patrouillenfahrten zwischen Molyvos und Skala Sykamineas versuchen wir, zur Bewältigung des Umweltproblems beizutragen, wo immer das möglich ist. Ankommende Flüchtlinge werden ermutigt, die Mülleimer zu benutzen – wenn es welche gibt!

„Ti na ginei?“

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Heute keine Busse. Tausende Menschen sitzen fest oder trotten über den heißen Asphalt Richtung Inselhauptstadt. Wir sind wütend und traurig. Und wir machen mit größter Anstrengung kleine Schritte, um unseren Beitrag für eine friedliche und menschenwürdige Lösung zu leisten … oft von schweren Zweifeln geplagt, ob das am Ende wenigstens IRGENDEINEN Sinn ergibt.
Aber dann sind da wieder Männer, Frauen und Kinder, denen wir wenigstens für einige Stunden das Gefühl geben können, dass hier jemand ist, der sich um sie kümmert. Vielleicht ist es das ja schon. Und natürlich jene medizinischen Notfälle, um die sich auch heute wieder Tobias und Vanessa auf ihren Patrouillenfahrten entlang der Küste kümmern. Gestern Abend war da ein Mann, der bei der Landung mit dem Schlauchboot so unglücklich auf einen Felsen geprallt war, dass die Kopfhaut quer über den Schädel aufplatzte. Nicht lebensbedrohlich, so eine Verletzung. Aber es ist doch gut, in so einer Situation einen Arzt vor Ort zu haben …
Währenddessen schreiten die Arbeiten auf unserer Baustelle in Klio unerträglich langsam voran. Heute soll endlich das Wasser angeschlossen werden, wann der Strom kommt, scheint dagegen noch unklar. Und im Hafen von Mytilini sind Sondereinheiten der Polizei aufgezogen, die man vom Festland herangebracht hat. Sie stehen hunderten verzweifelten Flüchtlingen gegenüber, die nur eines wollen: weiterziehen. Doch ohne Registrierung darf niemand die Fähren besteigen. Und die Registrierung stockt. Angeblich haben wütende Syrer im sogenannten „Camp“ Kara Tepe (in Wahrheit ein stinkendes Chaos aus wackeligen Zelten, Dreck und tausenden dort gestrandeten Flüchtlingen) den dort eingerichteten Polizeiposten angezündet.
„Ti na ginei“, sagen die Griechen, „was soll das noch werden?“ Wir wissen es auch nicht.