Marsch nach Nirgendwo

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Immer dieselbe Frage: wann kommt der nächste Bus? Und wir können sie nicht zuverlässig beantworten. Heute morgen versuchen Julian und Elias, gemeinsam mit unserem Freund Ben (Logistiker von „Ärzte ohne Grenzen“) wieder einmal, halbwegs Ordnung ins Chaos von Mandamados zu bringen. Das Problem liegt bei der Hafenbehörde, die jeden einzelnen Transport genehmigen muss. Aber wohin mit hunderten, tausenden Menschen, die auch in dieser Nacht wieder Lesbos erreicht haben. Die Salzkrusten an den Kleidern zeigen an, wie durchnässt sie ihre ersten Schritte auf europäischem Boden gemacht haben. Dann die Nacht im Freien verbracht. Da ist wenig Verständnis zu erwarten, wenn es nun wieder heisst „Warten“.
Schliesslich gelingt es uns doch mit vereinten Kräften, die Disziplin bei den am Boden sitzenden Familien aus Syrien, Afghanistan und dem Irak durchzusetzen. Auch aus den Flüchtlingsgruppen selbst kommt nun Hilfe: „Nächster Bus – nur Syrer!“ ruft ein auffallend muskulöser, junger Mann. In einer Reihe stellen sich die Fahrgäste auf, laden ihr Gepäck in den Kofferraum und besteigen den Bus, der sie nach Mytilini bringen wird. Beim nächsten Mal sind dann die Afghanen dran… wenn noch ein Bus kommt!
Wegen der anhaltenden Ungewissheit machen sich auch heute wieder viele Menschen zu Fuss auf den Weg in Richtung Hauptstadt. Es ist deprimierend, diesen endlosen Treck auf den Straßen ziehen zu sehen.

Die Spannung steigt

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Auch heute spielen sich dramatische Szenen ab. Sowohl auf den Straßen – wieder sind hunderte Männer, Frauen und Kinder zu Fuß in der flirrenden Hitze unterwegs – als auch in den Orten, an denen sich Flüchtlinge sammeln. In Mandamados versucht Julian am Morgen, zwischen rund 400 aufgebrachten Menschen jene Ruhe herzustellen, die benötigt wird, damit ein halbwegs geordnetes Einsteigen in die Busse möglich ist. Doch die Menschen, die nach stundenlangen Fußmärschen die Nacht auf dem Dorfplatz verbringen mussten, haben kein Vertrauen mehr, dass es nun zügig weitergehen wird. Da es in den vergangenen Tagen bereits im Gedränge um die wenigen Plätze im Bus zu Gewaltausbrüchen gekommen war, beschliesst das Team, Julian jedenfalls für heute aus Mandamados ab zu ziehen.
Auch in der Inselhauptstadt Mytilini spitzt sich die Lage zu. Der Hafen wurde evakuiert – die Registrierung von Flüchtlingen bis auf Weiteres gestoppt. In den chaotischen Lagern von Moria und „Kara Tepe“ machen die dort festsitzenden Menschen ihrem Ärger Luft und blockieren zeitweise die wichtige Küstenstraße in die Hauptstadt.

Kleider-Recycling

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Von vornherein wollen wir bei Allem, was wir hier tun, auf Nachhaltigkeit achten. So vermeiden wir Verpackungsmaterial, wo wir können – verteilen möglichst frisches Obst und Brot vom Bäcker anstelle der eingeschweissten Schoko-Hörnchen aus dem Supermarkt. Weil aber der Abfall nicht völlig zu vermeiden ist, haben wir zwei Müllsammler engagiert, die zumindest den Ort Klio sauber halten sollen.
Am wichtigsten und wirkungsvollsten aber ist wohl jene Idee, die wir seit unserer Ankunft hier verfolgen: das Einsammeln von Kleidungsstücken, die von den Flüchtlingen am Wegesrand und auf den Stränden nass zurückgelassen wurden. Wir sammeln diese Fundstücke ein, lassen sie reinigen und nehmen sie in unsere Kleiderstube – zur Verteilung an Flüchtlinge, die keine Wäsche zum Wechseln bei sich haben.
Besonders Katharina und Armin, die derzeit als Freiwillige unser Team verstärken, sind auf ihren täglichen Fahrten entlang der Küstenstraße zwischen Molyvos und Skala Sikamineas sehr erfolgreiche Sammler: mindestens zwei große Säcke mit Kleidung können wir jeden Tag in die Reinigung bringen. Im Winter werden die Ankommenden froh sein, wenn wir sie damit frisch einkleiden können. Mit Hosen, Hemden und Anoraks, die Flüchtlinge „gespendet“ haben …

10 Tage alt

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In der Nacht von Montag auf Dienstag bekamen wir um kurz nach 12 Uhr einen Notruf, dass einige unterkühlte Flüchtlinge mit einem Auto auf dem Weg nach Molyvos sind, unter ihnen auch einige Kinder und Babys. Wir erwarten das Auto auf der Straße vor dem geschlossenen Busparkplatz und beginnen sofort nach der Ankunft unsere Untersuchung. In Zusammenarbeit mit der lokalen Volunteersgruppe sind sie schnell mit Notfalldecken und trockenen Klamotten versorgt. Jedoch befindet sich unter den Angekommen auch eine Mutter mit einem gerade 10 Tage alten Baby, dessen Temperatur bei 35,3 Grad liegt und sinkt. Schnell entscheiden Tobias und Vanessa, die Mutter und ihr Baby mitsamt ihrer weiteren zwei Kinder von Julian nach Mytilini ins Krankenhaus fahren zu lassen. Einziges Problem ist nur, dass der Familienvater noch zu Fuß auf dem Weg nach Molyvos ist. Zur Sicherheit des Kindes müssen sie aber sofort los. Im Krankenhaus wird für das Wohl des Babys gesorgt und am nächsten Tag organisieren wir mit Hilfe von Ärzte ohne Grenzen und den Volunteers von PIKPA die Zusammenführung der Familie. Wir sind froh, dass die Familie nach den Erlebnissen und einem Tag der Trennung wieder wohl beisammen sind.

Dienstag stoßen mit Armin und Katharina zwei weitere Freiwillige für ein paar Wochen zu uns. Armin ist Krankenpfleger und kann somit ebenfalls medizinische Erstversorgung leisten. Wir sind noch nicht lange aus Molyvos heraus, schon können die Beiden einige Bootsanünfte miterleben und gleich praktische Erfahrung sammeln. Während die meisten Ankünfte gut verlaufen, zeigt sich bald, dass ein Boot ungefähr 1,5 km vor der Küste treibt, da der Außenborder ausgefallen ist. Glücklicherweise fährt zu diesem Zeitpunkt Alekos, bei dem wir unsere Fahrzeuge mieten mit einem Touristenboot vorbei und wir können ihn auf das Boot hinweisen. Sofort steuert er auf das Boot zu und nimmt mit 25 Menschen ca. die Hälfte des Bootes auf um sie an den Strand zu bringen, wo wir und andere Helfer im flachen Wasser mit Gummiringen warten, um die geretteten an Land zu bringen. Nachdem die ersten an Land sind fährt Alekos mit Julian schnell die Touristen in den Hafen, um sofort wieder zum Schlauchboot zurückzufahren und den Rest der Menschen an Bord zu nehmen und sicher an den Strand zu bringen. Alle applaudieren und danken Alekos für seine Hilfe. Dieses Ereignis zeigt uns erneut, wie wichtig es wäre ein eigenes Schiff in dieser Meerenge zu haben, das permanent die See überwacht um Booten in Seenot Hilfe leisten zu können, insbesondere im Hinblick auf den Winter und die wesentlich rauhere See.

Am Abend ist das Team in Mytilini um endlich das Papier zu unterschreiben, aber auch an diesem Tag ist uns das Glück nicht hold und das Papier ist noch nicht aus Athen gesendet. Aber der Bürgermeister von Lesbos versichert uns seine Zustimmung sobald er das Papier in der Hand hat und final soll das Papier dann morgen unterzeichnet werden. Trotzdem wird beschlossen, dass die Bauarbeiten nun morgen früh um halb acht beginnen werden.