Wir müssen gehen

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Bis gestern Abend hatten wir noch Hoffnung. Bei der Versammlung in der Dorfschule von Kapi wollten wir noch einmal Alles versuchen, Bedenken zu zerstreuen und Missverständnisse aus zu räumen. Aber es ist uns nicht gelungen. Aufgehetzt von nationalistischen, rassistischen und anti-deutschen Parolen war die Mehrheit der Dorfbevölkerung nicht mehr interessiert, unser Projekt in der ehemaligen Molkerei zu einem Erfolg zu machen. Uns wurde deutlich gemacht, dass die Besetzer der Baustelle keine Weiterarbeit erlauben würden. Auch der unterbrochene Wasseranschluß werde unter keinen Umständen wieder hergestellt.

So hatten wir keine andere Wahl, als unseren Abzug zum Monatsende zu beschliessen.  Es hat nun keinen Sinn, Schuldige zu suchen oder sich in Rechtfertigungen zu ergehen. Als Gäste haben wir zu akzeptieren, dass die lokale Bevölkerung nicht hinter dem Projekt steht und selbst darüber entscheiden möchte, wie sie mit den ankommenden Flüchtlingen umgehen wird.

Wir konnten in rund zweieinhalbmonatiger Arbeit tausenden Menschen unsere Unterstützung geben. Aber das große Ziel, ein Winterquartier für Flüchtlinge auf der Insel Lesbos zu bauen, werden wir nun nicht erreichen.

Windstärke 10

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Über Nacht ist das Wetter umgeschlagen. Der Südwind treibt Regen über die Insel. Draußen auf dem Meer sieht man ab dem Morgen immer mehr Schaumkronen, die in Richtung Norden hasten. Dennoch wurden auch in dieser Nacht drüben, an der türkischen Küste, Menschen in die Boote geprügelt. 250 Flüchtlinge kamen allein im Bereich von Molyvos an Land. Von der Anhöhe am Leuchtturm beobachten wir, wie sich ein überladenes Schlauchboot durch die Wellen quält. Endlos lange bis es endlich den Strand von Eftalou erreicht. Alle Passagiere scheinen wohlauf, haben die Überfahrt überstanden. Ein Wahnsinn bei Windstärke 10. Wieviele werden es sein, die es nicht geschafft haben? Mit den viel zu schwachen Außenbordmotoren sind die Boote ein Spiel des Windes und der Wellen. Auch die provisorischen Zelte, die Helfer am Strand errichtet haben, sind gefährdet.
Unterdessen versuchen wir weiter, im Dorf Überzeugungsarbeit zu leisten. Am Montag sind wir zu einer weiteren Versammlung eingeladen, auf der wir unser Projekt „Proti Stassi“ noch einmal erklären sollen. Seit zwei Wochen ruht die Baustelle an der alten Molkerei nun. Wir brauchen eine endgültige Entscheidung.

Hoher Besuch

ΑΠΟΒΑΣΗ

Mit einem Schlag sind überall die Aufräum-Trupps unterwegs. Hunderte Arbeiter säubern die Strände von den Zeugnissen der Massenfluchten: Schwimmwesten, Schlauchbootreste und die von Flüchtlingen zurückgelassene Kleidung werden mit Lastwagen abtransportiert. Das hat es in den vergangenen Monaten noch nicht gegeben.
Die Einheimischen können über soviel Eifer nur lachen. „Heute kommt doch unser Regierungschef“, wissen sie „und seinen Kollegen aus Wien hat er auch mitgebracht. Da soll die Insel schön aussehen!“ Tatsächlich unterscheidet sich das Bild, das Alexis Tsipras und Werner Faymann zu sehen bekommen, erheblich von dem, was wir in den letzten Wochen beobachtet haben. Kaum ein Boot, kaum ein Flüchtling auf der Straße!
Und auch Stratos, der Chef vom Baumarkt in Kalloni, hat dem Kap Korakas einen „hohen Besuch“ abgestattet. Mit seinem Leichtflugzeug hat er sich unser Einsatzgebiet aus der Luft angesehen. Stolz zeig er seine Fotos, als wir Werkzeug abholen wollen. Auf einem sieht man, wie gerade ein Flüchtlingsboot das Kap erreicht.

Gutes Wetter, viele Ankünfte!

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Das Wetter hat sich in den letzten Tagen wieder verbessert. Obwohl es deutlich kühler ist, gab es keinen Regen, die Sonne schien und das Meer war oftmals ruhig. Die Folge ist eine hohe Anzahl von Ankünften überall an der Nordküste der Insel. An den Stränden von Molyvos kommen hunderte Menschen an und werden von den mittlerweile in großer Anzahl arbeitenden Volunteers versorgt und auf den Parkplatz vor der Disko Oxi transportiert. Dort warten sie dann auf ihre Weiterreise nach Mytilini mit dem Bus. Wir können die teilweise große Begeisterung für diesen seit zwei Wochen existierenden Platz nur bedingt teilen. Zwar gibt es dort ein sehr großes und weitere kleine Zelte, in denen die Flüchtlinge sich aufhalten können, aber auch dort gibt es bisher nur zwei Toiletten und keine Duschen für hunderte wartende Menschen. Natürlich ist dieser Ort ein Fortschritt zu den Vorherigen aber für uns ist das kein Umgang, den wir für menschenwürdig halten und den wir als angebracht ansehen für Menschen die sich oft tagelang weder waschen noch ausruhen konnten.

Auch am Kap von Korakas kamen heute viele hundert Menschen an. Gerade am Nachmittag bietet sich uns ein auch uns bisher nicht gesehenes Bild. Zur gleichen Zeit kommen vermutlich bis zu 10 Boote an und als sich die ca. 300-400 Menschen nach kurzem Ausruhen auf den Weg nach Klio machen und wir mit dem Auto fahrend Wasser verteilen bildet sich ein über vier Kilometer hinziehender Treck aus Menschen. Mehrere Stunden fahren wir Alte, Frauen, Kinder, Babys und einen Querschnittsgelähmten samt Rollstuhl nach Klio. Viele Hundert müssen aber die sieben Kilometer ins Dorf selbst laufen. Auch unser Versuch Busse direkt nach Klio zu organisieren schlägt fehl und wir müssen den im Dorf angekommenen mitteilen, dass sie weitere fünf Kilometer bis nach Mantamados laufen müssen. Nach dem Essen machen sie sich auf den Weg und laufen auf der Straße Richtung Mantamados durch die Nacht. Viele haben mitterweile Taschenlampen dabei und können so die Autofahrer auf sich Aufmerksam machen. Als sie Mantamados erreichen fahren bereits keine Busse mehr und so verbringen hunderte Menschen die Nacht teilweise in Zelten, teilweise im Freien und warten auf die Busse am nächsten Morgen.