Auffanglager Griechenland?

Wir waren in den letzten Wochen auch zweimal auf dem Festland unterwegs und konnten uns ein Bild über die Lage dort machen.

Insbesondere die fast gänzliche Schließung der Grenzen hat dazu geführt, dass die Weiterreise der Flüchtlinge gestoppt wird. Als Reaktion auf die Nichtakzeptanz von afghanischen Flüchtlingen wurden diese vom Grenzlager in Idomeni wieder in Lager in Thessaloniki und Athen und ins Zentrum von Athen gebracht. Dort sind sie nun gestrandet und haben keine Perspektive für eine Weiterreise. Dazu kommen nach wie vor Ankünfte auf den ägäischen Inseln, die die Zahl derjenigen, die die Grenze passieren dürfen bei weitem übersteigt. Schon jetzt sind die Lager in Athen und Thessaloniki überfüllt. Auch auf den Raststätten entlang der Autobahn Richtung Norden sammeln sich immer mehr Menschen, denn die Regierung versucht den Zufluss nach Idomeni zu begrenzen um dort eine Ausnahmesituation zu verhindern. Das Lager in Idomeni ist bereits jetzt überfüllt und ein Eintreffen weiterer Flüchtlinge könnte zu Spannungen führen. Jedoch haben alle diese Maßnahmen nur begrenzte Wirkung, da die Flüchtlinge sich nach tagelangem Warten auf Raststätten, an denen sie ihr Geld ausgeben und kaum Versorgung haben, zu Fuß auf den meist hunderte Kilometer langen Weg nach Norden machen. Dies führt nicht selten zu Verkehrsblockaden und trägt nicht gerade zur Verbesserung der bereits angespannten Lage in Griechenland bei.

Um nicht noch mehr Chaos auf dem Festland zu erzeugen hat die griechische Regierung nun die Zahl der Flüchtlinge auf der Fähre zum Festland begrenzt, was jedoch bedeutet, dass mehr Flüchtlinge auf den Inseln stecken bleiben werden und dazu führen kann, dass die Situation wieder der im Sommer letzten Jahres ähneln kann. Dabei kann man die Reaktion der griechischen Bevölkerung im Umgang mit der Situation nicht hoch genug würdigen. Man stelle sich vor wie in anderen europäischen Ländern die Menschen reagieren in Zeiten einer Krise und den Sparauflagen mit denen Griechenland umgehen muss, reagieren würde, wenn sie dazu noch mit dieser Situation umgehen müssten.

Griechenland in dieser Situation immer noch vorzuwerfen seiner Aufgabe der Grenzsicherung nicht nach zu kommen ist hypokritisch. Wer einmal auf den Inseln war und die Situation gesehen hat, kann nicht ersthaft behaupten, dass dies möglich ist. Und einen europäischen Partnerstaat, der bereits mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen hat, mit diesem Problem im Stich zu lassen ist einfach nur unsolidarisch. Darüber hinaus nun auch noch über die Wiederaufnahme der Dublin Regelung zu sprechen und Flüchtlinge wieder nach Griechenland zurückschieben zu wollen ist nur noch absurd, führt zur Verschärfung der Lage in Griechenland und lässt ein Land im Stich, dass alleine nicht in der Lage ist die ankommenden Flüchtlinge zu versorgen.

 

 

 

Die letzten Monate

Nachdem wir uns in den letzten 6 Wochen um den Aufbau unserer Station gekümmert haben, wollen wir in einem längeren Beitrag über unsere Tätigkeit und in einem weiteren Beitrag über die Situation auf der gesamten Insel berichten.
Nachdem wir „Proti Stassi“ Anfang des Jahres eröffnet haben, hatten wir viel damit zu tun die Ankommenden zu versorgen, uns gleichzeitig mit anderen Gruppen eng zu vernetzen und stets die offene Kommunikation im Dorf weiterzuführen um eine möglichst hohe Akzeptanz für unser Projekt zu erreichen.
Die Zahlen der Ankünfte sind im Norden zwar zurückgegangen (dazu mehr im nächsten Beitrag) – trotzdem kamen in den letzten Wochen nach wie vor fast täglich Boote in unserer Region an und wir waren meist in den Morgenstunden damit beschäftigt, die ankommenden Flüchtlinge in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen von den Stränden abzuholen und sie zur Erstversorgung in die Käserei zu bringen. Dort haben sie dann Klamotten, Tee, Snacks, eine Toilette und danach Bustransport bekommen. Die Zahlen der Ankommenden sind dabei täglich völlig unterschiedlich. Mal kommen nur 15 Leute mit einem kleinen Schlauchboot an – an einem anderen Tag kommen 300 Leute auf einem Ausflugsboot an. Nach wie vor ist die Nationalität der Ankommenden unterschiedlich. Hauptsächlich kommen Syrer, Afghanen, Iraker und Kurden aus dem Irak und Syrien an. Aber auch Menschen aus Pakistan, Iran, Jemen, Somalia, Marokko und Palästina gehören zu den Flüchtenden.
Unsere bisherige Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen setzt sich sehr gut fort und wir stehen in engem Kontakt um den Transport der Flüchtlinge zu organisieren. Auch die Zusammenarbeit mit der im Ort ansässigen Freiwilligengruppe „CK Team“ haben wir intensiviert. Im Falle einer Ankunft kommen einige Freiwillige zu uns und Unterstützen uns in der Versorgung. Wir haben gemeinsam Erste-Hilfe-Kurse gemacht und es finden häufig gemeinsame Teamtreffen in der Käserei statt. SeaWatch und Cadus sind Anfang Februar nach Tsonia, dem Fischerhafen von Kleio, umgezogen und operieren ihre Seenotrettungsmission von dort aus. Wir haben sie bei der Planung ihres Umzugs und der Vernetzung insbesondere mit den Fischern in Tonia unterstützt, was zu einem reibungslosen Umzug beigetragen hat und haben nun eine enge Zusammenarbeit mit beiden Gruppen. Außerdem haben wir uns in das bestehende Versorgungsnetzwerk eingeklinkt und bekommen von verschiedenen Gruppen Nachschub an Klamotten und Decken aus den gut ausgestatteten Lagerhallen. Auch die dreckigen Klamotten werden wieder gewaschen, was ebenfalls von einer Freiwilligengruppe organisiert wird.
Neben dieser täglichen Arbeit versuchen wir uns insbesondere um die Kommunikation zwischen Freiwilligen und Inselbewohnern zu kümmern. Nach wie vor sind wir sehr damit beschäftigt gegenseitiges Verständnis zu schaffen. Die vielen Flüchtlinge haben das Leben auf der Insel sehr verändert – insbesondere für die lokale Bevölkerung. Neben den Flüchtlingen tragen dazu auch oft die große Anzahl an Freiwilligen bei. Die geleistete Arbeit derjenigen ist nicht hoch genug zu würdigen. Nur wird dabei manchmal in der Hilfsarbeit die Situation der lokalen Bevölkerung vergessen und nachdem ein Boot mit 300 Menschen im Hafen entladen wurde, alle Menschen versorgt und ins Camp weitergefahren wurden, kommt es vor das die Fischer mit einer sinkenden Fähre und dem Müll von 300 versorgten Menschen zurückgelassen werden. Wir versuchen daher auch ein Verständnis für die Situation der lokalen Bevölkerung zu schaffen, die teilweise auch von den Flüchtlingen profitiert, und bemühen uns Verbindungen zwischen den Freiwilligengruppen und den hier wohnenden Griechen zu schaffen.
Des Weiteren sind wir zur Zeit mit der Registrierung des Vereins in Griechenland beschäftigt damit wir rechtlich abgesichert sind und auch lokale Bevölkerung anstellen können. Dies geschieht zur Zeit und wir sind zuversichtlich, dass wir in den nächsten Wochen einen eingetragenen Verein in Griechenland haben.
Außerdem beginnen wir mit der Vorbereitung für den Sommer. Zwar wissen wir nicht, wie sich die Lage entwickeln wird und ob politische Maßnahmen zur Abschottung der Fluchtwege greifen, jedoch wollen wir auf jeden Fall vorbereitet sein, sollte sich an der Lage nichts ändern und im Sommer auch wieder mehr Menschen ankommen.
Auch die Tatsache, dass die Europäischen Staaten im Moment eine Politik verfolgen, die dazu führen könnte, dass Griechenland das Flüchtlingslager Europas werden könnte, veranlasst uns, uns auf die Eventualität vorzubereiten, dass möglicherweise eine größere Anzahl von Flüchtlingen für längere Zeit auf Lesvos bleiben werden müssen und längere Versorgung benötigt werden wird. Wir wollen uns sowohl um die Flüchtlinge kümmern als auch der Insel und dem Griechischen Staat helfen, der in seiner ohnehin schwierigen Lage, jegliche Hilfe gebrauchen kann.
Wir sind froh unseren Beitrag in einem großen Netzwerk aus NGOs und Freiwilligengruppen leisten zu können, der gewährleistet, dass die Situation für ankommende Flüchtlinge auf Lesvos wahrscheinlich zu der besten auf ihrer gesamten Reise gehört, auch wenn sie nach wie vor nicht überall optimal ist.
Wir werden nun wieder regelmäßig von unserer Arbeit und der Situation auf der Insel und in Griechenland berichten.