6 Wochen

Die letzten 6 Wochen waren für uns von Unsicherheit darüber geprägt, wie sich die Lage auf der Insel entwickeln wird. Nachdem am 4. April die erste Deportation von Flüchtlingen stattfand (gefolgt von einer zweiten ein paar Tage später) stellten alle Geflüchteten nun Asylanträge in Griechenland, da dies ihre einzige Chance ist, um nicht umgehend in die Türkei zurückgeschoben zu werden. Gleichzeitig sank die Zahl der Ankommenden annähernd auf Null, was für unser Projekt bedeutet, dass wir kaum noch Arbeit in unser ursprünglichen Funktion als Erstaufnahmestelle haben. Angesichts der Tatsache, dass abgesehen von zwei kleineren Bootsankünften in den letzten Wochen keine Boote mehr ankommen, befinden wir uns nun in einer Neuorientierungsphase. Wir werden die Käserei weiterhin behalten, da sie uns quasi nichts kostet und es jederzeit passieren kann, dass wieder mehr Boote kommen, sollte das EU-Türkei Abkommen scheitern. Aber wir werden nun versuchen, andere Wegen zu finden, um uns an die veränderten Lage auf der Insel anzupassen und sinnvolle Hilfe leisten zu können. Die Käserei zu behalten ist für uns insbesondere deshalb wichtig, da es absehbar ist, dass nach und nach mehr Gruppen ihre Aktivitäten hier einstellen werden und einige es bereits auch schon getan haben, obwohl viele NGOs und Volunteer-Gruppen ihr Engagement trotz ausbleibender Ankünfte erstaunlich lange aufrecht erhalten. Daher halten wir es für notwendig diese Struktur aufrechtzuerhalten, um sie gegebenenfalls jederzeit reaktivieren zu können.

Die Lage auf der Insel hat sich insofern verändert, dass die Geflüchteten eine deutlich längere Zeit auf Lesvos verbringen, da sie auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warten. Da die Europäische Union es bisher aber nicht geschafft hat, die versprochene und geplante Anzahl von Verfahrensprüfern zu entsenden, gestaltet sich dieser Prozess  als äußerst langsam. Wir gehen davon aus, dass es sich für einige Geflüchtete durchaus über ein halbes Jahr oder Jahr hinziehen kann, sollte sich an der Lage, sei es rechtlich oder infrastrukturell, nichts ändern.

Daher wollen wir Projekte zu initiieren, die den Geflüchteten langfristig helfen. Unter anderem planen wir ein Projekt, bei dem griechische Anwälte die Asylsuchenden in ihren Verfahren begleiten und sie rechtlich unterstützen. Angesichts des sehr unklaren bzw. kaum vorhandenen Asylsystem in Griechenland, bei dem selbst die EU nach wie vor nach potentiellem Personal sucht, kann das Aufstellen einer solchen Gruppe jedoch etwas dauern.

Ein weiteres Projekt, das wir mit einer anderen Gruppe möglichst schnell realisieren wollen, ist für möglichst viele Menschen eine andere Unterkunft für ihre Zeit auf der Insel zu finden. Zur Zeit leben um die 5.000 Flüchtlinge auf der Insel, aufgeteilt auf die Lager Moria und Kara Tepe. Der griechische Staat gewährt zwar theoretisch denjenigen, die länger als 25 Tage registriert sind, freien Ausgang aus den Lagern, aber auch bei der Ausstellung dieser „Ausgangs-Papiere“ kommt es zu erheblichen Verzögerungen. Außerdem findet die Essensausgabe, die sich immer wieder als nicht ausreichend in Portion und Anzahl herausstellt, nur in den Lagern statt und darüber hinaus müssen die Flüchtlinge nach wie vor in den Lagern schlafen, sollten sie keine Ummeldung beantragt und gestattet bekommen haben. Die Zustände der Unterkunft sind menschenunwürdig. Bis zu 40 Menschen schlafen gemeinsam in einer Hütte, in Ermangelung von Betten oft auf dem Boden. Die Qualität des Trinkwassers ist mangelhaft und auch die medizinische Versorgung ist oft unzureichend.

Da wir davon ausgehen müssen, dass die Geflüchteten eine längere Zeit auf der Insel bleiben, halten wir es für eines der wichtigsten Ziele, so viele Menschen wie möglich an anderen Orten in menschenwürdigen Verhältnissen unterzubringen und sie darüber hinaus auch zu ermächtigen, für sich selbst zu sorgen. Daher befinden wir uns momentan in Verhandlungen über die Miete eines leerstehenden Hotels, in dem wir zusammen mit dem CK Team, einer Volunteergruppe, mit der wir seit geraumer Zeit eng zusammen arbeiten, ca. 150 Asylsuchende unterbringen und versorgen können. Wir hoffen sehr, dass wir dieses Projekt erfolgreich starten können, sind uns aber auch bewusst darüber, dass es möglicherweise, wie überall in Europa, zu Widerständen gegen die Unterbringung von Geflüchteten und damit auch gegen das Projekt kommen kann. Trotzdem halten wir gerade diese Auseinandersetzung, sollte sie nötig sein, für unerlässlich und stellen uns jeder Diskussion, denn wir sind der Meinung, dass unsere Arbeit unbedingt nicht nur humanitär sein darf, sondern auch politisch sein muss.

Daher wollen wir neben den humanitären Projekten, insbesondere auch mit dem Rechtsbeihilfe-Projekt und in Kooperation mit türkischen NGOs, die wir auf einer Konferenz in Izmir besucht haben und mit denen wir in Zukunft kooperieren wollen, unseren Fokus wieder mehr auf Aspekte der Menschenrechte legen und über die Zustände hier berichten.

Es ist uns nach wie vor eine Hauptanliegen gegen das Gefühl anzugehen, dass das was hier passiert etwa rechtens, sogar nötig und deshalb auch in Ordnung ist. Denn das ist es nicht und wir werden ein solches Handeln auch niemals akzeptieren. Deshalb sehen wir auch weiterhin unsere Hauptaufgabe darin, für diejenigen einzutreten, deren Rechte missachtet, die aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert und menschenunwürdig behandelt werden, indem wir nicht aufhören, über diese Ungerechtigkeit zu berichten.