Mosaik

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Nun sind wir beinahe ein Jahr auf Lesvos und die Situation hat sich inzwischen sehr verändert. Als wir im letzten Sommer auf die Insel kamen waren es täglich viele hunderte, manchmal tausende Menschen, die die Strände erreichten und direkte Versorgung benötigten, welche anfangs nur sehr spärlich vorhanden war. Mittlerweile gibt es nur sehr wenige Ankünfte, obwohl es im Vergleich zu den Monaten zuvor wieder etwas mehr sind. Doch die Zahlen der Ankünfte sind nach wie vor überschaubar. Trotzdem heißt das nicht, dass sich die Situation insgesamt zwingend verbessert hätte. Während im letzten Jahr die Leute nur wenige Tage auf der Insel waren und dann weiterreisen konnten, sitzen sie nun für Monate auf der Insel fest, dürfen diese nicht verlassen und müssen zu tausenden, der Sommerhitze ausgesetzt, in den Lagern von Moria und Kara Tepe ausharren und darauf warten, dass sie ihre Asylanhörung haben werden. Leider fehlt dabei oft jegliche Information wann das passieren wird. Die meisten Flüchtlinge sind nun bereits über 3 Monate auf der Insel und werden wahrscheinlich auch noch einige weitere Monate bleiben müssen, sofern sie nicht andere Wege finden um mit der Fähre nach Athen zu kommen.

Für uns ist die Situation durchaus schwieriger als letztes Jahr. Denn so schlimm die Zustände auch waren, so war doch klar wie man die Menschen Unterstützen kann. Denn sie hatten die Freiheit weiterzureisen und konnten ihre Reise zu ihren Zielen in Nordeuropa fortführen. Nun, durch die Situation festzustecken, herrscht insbesondere Ratlosigkeit und Ungewissheit. Und die führt zu psychischen Beschwerden, Frust, Wut und Aggression bei den Menschen, die seit Monaten in menschenunwürdigen Umständen leben müssen. Neben der Hitze herrscht schlechte Ernährung, Wasserknappheit, viele Menschen leben immer noch in kleinen Zelten und die Sanitären Anlagen sind unzureichend. Außerdem verbreiten sich mittlerweile mehr und mehr Drogen, Prostitution hat sich etabliert und es kommt immer wieder zu Konflikten und Gewalt zwischen Flüchtlingen.

Hinzu kommen neuerdings einige Festnahmen, deren Begründung uns nicht bekannt ist, von Menschen unter anderem aus Marokko, Pakistan, Kamerun und dem Sudan. Einige dieser Flüchtlinge, die meist als Wirtschaftsflüchtlinge angesehen werden, wurden bereits mehrfach festgenommen und die meisten von ihnen wurden in Detetioncenters auf dem Festland überführt. In einigen dieses Lager, wie zum Beispiel dem in Korith sind die Zustände meist noch schlechter als hier. Vor einigen Jahren haben Ärzte ohne Grenzen dieses Lager besichtigt. Die Zustände dort waren jenseits dessen, was man sich als Möglich in Europa vorstellt. Menschen lebten dort meist zu mehreren Dutzend in Käfigen mit einer Stunde Ausgang pro Tag. Dass Menschen von hier nun dort hingebracht werden, verbreitet noch mehr Unsicherheit unter den hier wartenden Flüchtlingen.

Aber es gibt mittlerweile auch einige Fälle, meist bei denjenigen, die von Anwälten vertreten werden, die positive Bescheide bezüglich ihrer Asylanträge erhalten. Bisher wurden fast alle syrischen Asylanträge bearbeitet, nun folgen wohl die Anträge der Pakistanis. Nach und nach gibt es für die Flüchtlinge auch mehr Rechtsbeistand. Die Begleitung derjenigen, die hier auf der Insel gestrandet sind ist nun zur Hauptaufgabe der NGOs geworden.

Auch wir haben beschlossen unseren Teil dazu beizutragen und werden in Kürze in Kooperation mit PIKPA, der lokalen Aktivistengruppe, ein Support Center für Flüchtlinge und lokale Bevölkerung eröffnen. Das Center, das den Titel Mosaik trägt, wird voraussichtlich in der zweiten Juli Woche eröffnet. Es ist ein vormaliges Universitätsgebäude im Zentrum von Mytilini, das 2 Klassenräume, eine Bibliothek, ein Anwalts/Psychologenzimmer und einen großen Gemeinschaftsraum für verschiedenste Gruppenaktivitäten hat. Geplant sind zunächst Englisch und Griechisch Unterricht, Psychologische- und Rechtsberatung, sowie Kinderbetreuung, sportliche Aktivitäten, Musikkurse, Filmabende, Chöre, Holz-, Töpfer- und Malworkshops und mehr. Die Kurse werden von Volontären, Griechen und teilweise auch von Flüchtlingen angeboten. Das Projekt wächst jeden Tag und wir investieren all unsere Energie in den Aufbau des Projekts. Schon jetzt zeichnet sich ab, was für ein schöner Ort das Zentrum werden wird und wir freuen uns sehr auf die Eröffnung. Mehr Informationen werden in Kürze über einen Link auf die Projekthomepage folgen.

Ansonsten haben wir es letztlich geschafft, den Verein nach 5 Monaten Arbeit in Griechenland zu registrieren, was uns ermöglicht endlich Leute einzustellen und hier in weiterem Maße aktiv zu sein. Der nächste Schritt wird dann der Import des Autos nach Griechenland sein. Insbesondere weil es immer wieder Probleme zwischen den Behörden und NGOs gibt, wollen rechtlich auf der sicheren Seite sein. Unser Gewächshaus und den Reiniger haben wir mittlerweile im Zuge der Kooperation an PIKPA gegeben, die beides dringend in ihrem Camp gebrauchen können. Im Gewächshaus wird demnächst dann Gemüse und Salat für die Küche im Camp angebaut und der Reiniger stellt eine große Erleichterung bei der Reinigung der Toiletten dar, die vorher mühsam per Hand getätigt werden musste.

Wir hoffen mit dem Mosaik Zentrum, den hier angekommenen einerseits die Möglichkeit zu geben, in der Zeit des Wartens etwas zu tun zu haben, als auch ihnen sprachliche und sonstige Fähigkeiten beibringen zu können, die ihnen die Integration in die griechische Gesellschaft ermöglichen. Denn wir sind der festen Überzeugung, dass es keine langfristige Lösung ist, die Menschen hier in Essens und Übernachtungsabhängigkeit zu halten, sondern dass es zwingend notwendig ist, dass man sie ermächtigt für sich selbst zu sorgen und somit unabhängig und frei zu sein. Dazu möchten wir mit dem Mosaik beitragen.