Jede Woche kommen ein paar mehr Menschen an der Küste von Lesbos an

so werden die Menschen dann meist von Schmugglern an einem uneinsehbaren Küstenstück "ausgesetzt"
So werden die Menschen dann meist von Schmugglern an einem uneinsehbaren Küstenstück „ausgesetzt“

Im Oktober gab es ein paar mehr Boote in unserer Region des Nordosten von Lesbos. Ein paar Mal konnten wir in der Käserei so den Menschen zumindest bis zur Ankunft des Polizeibusses eine kurze Verschnaufpause bieten, Kleidung wechseln, einen warmen Tee trinken lassen usw.

Das besondere der letzten Ankünfte ist, dass die Boote weitestgehend nicht selbst von den Geflüchteten gefahren werden, sondern dass sie mit Schmugglern aus der Türkei kommen, das bedeutet einerseits eine sicherere Überfahrt, andererseits sicherlich mehr Geld, das bezahlt werden muss und vor allen Dingen verstecktere Ankunftsorte.

So brauchten wir in einigen Fällen eine ganze Weile bis wir die Menschen an der Küste ausfindig machen konnten. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen hier im Nordosten ist uns das, Gott sei Dank, immer gut gelungen.

Die Temparaturen sind seit gestern gesunken, so dass es jetzt wieder wichtiger wird einen schnellen Transport zur nächsten Station zu gewährleisten. Leider ist zwar die Infrastruktur da, doch es fehlt am politischen Willen die Menschen nach der Ankunft gut zu versorgen. Die Frontex- und Küstenwachenpolitik will weiterhin einen schnellstmöglichsten Abtransport nach Moria, ins geschlossene Registrierungslager veranlassen, egal ob die Menschen durchnässt sind, hungrig oder was auch immer. In Moria sind mittlerweile 5000 Menschen auf einem Gelände für 1500 und bilden Schlangen für jede Decke, jedes Sandwich usw. Winterfest ist Moria sicher nicht. Und viele von den dort lebenden Menschen befinden sich nun schon über 3 Monate dort. Alle anderen Unterkünfte auf der Insel für besonders Schutzbedürftige usw. sind voll. Es gibt soweit keinen Plan B.

Menschen schlafen zu Beginn des Winters also wieder auf Kies, ausserhalb der überfüllten aufgestellten Zelte in Moria.

Was uns als Team hier vor Ort meist bei der Ankunft der Boote schockt, ist, dass die Menschen kaum wissen, dass sie die Insel nicht verlassen können bis ihr Asylantrag geprüft wurde, und das kann lange dauern. Viele haben keine Ahnung von der Situation, in die sie sich gerade begeben.

Die Routen der Ankunft ändern sich also monatlich. Während im August und September 2016 die meisten Boote direkt von der Küstenwache und Frontex auf See abgefangen worden sind um sie nach Skala Sykaminias oder gleich Mytilini zu bringen, sind es nun wiederum kaum zugängliche Strände, an denen die Menschen spät in der Nacht auftauchen. Soweit sind wir mit Schlafsäcken, Decken, Heizung und heissen Tee in der Käserei so gut vorbereitet wie es eben geht, für das was da kommen mag.

Ein magischer Ort

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Liebe Freunde von Proti Stassi,

dieser Blog ist mittlerweile etwas verwaist. Das liegt daran, dass wir all unsere Energie in unser neues Projekt Mosaik, ein Kulturzentrum, dass wir gemeinsam mit der Gruppe von Pikpa eröffnet haben (siehe voriger Artikel).

Es ist ein wahrlich magischer Ort und jeden Tag viele Menschen im Zentrum zu sehen, die entweder an Sprachkursen oder an einer der vielen Aktivitäten teilnehem, ist eine wahre Freude. Wir werden in Kürze eine eigene Homepage für das Zentrum online stellen, die unter lesvosmosaik.org zu finden sein wird.

Daher begrenze ich hier die Berichte über das Zentrum hier. Proti Stassi selbst besteht wie geplant weiterhin. Die Anzahl der Landungen bei uns ist zwar minimal, was daran liegt, dass die Boote die zur Zeit kommen (ca. 1 am Tag), zwar in Richtung Leutturm fahren, aber dort entweder von der Küstenwache, Frontex oder den SAR Booten nach Skala Sykamineas umgeleitet werden. So kommen bei Proti Stassi nur ca. 1 Boot pro Monat an, welches wir weiterhin versorgen.

Außerdem schließt Ende August das Transitcamp von Ärzte ohne Grenzen und die Käserei wird die einzige Erstankuftsstation der Region östlich von Skala Sykanineas sein. Daher bleibt das Projekt je nach bedarf aktiv, der geringe Bedarf aber lässt es zu, dass wir unseren Fokus auf das Zentrum legen.

Für weitere Informationen betreffend der Gesamtsituation bitten wir daher die borderline-europe Hompage zu besuchen und verbleiben im Moment mit sporadischen Berichten, sollte sich die Situation nicht wieder stark verändern. Wir danken für das konstante Interesse, hoffen ihr bleibt uns treu und schaut bald auf unserer Hompage für das Mosaik Center vorbei.

Liebe Grüße aus Lesvos

Euer Proti Stassi Team

Mosaik

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Nun sind wir beinahe ein Jahr auf Lesvos und die Situation hat sich inzwischen sehr verändert. Als wir im letzten Sommer auf die Insel kamen waren es täglich viele hunderte, manchmal tausende Menschen, die die Strände erreichten und direkte Versorgung benötigten, welche anfangs nur sehr spärlich vorhanden war. Mittlerweile gibt es nur sehr wenige Ankünfte, obwohl es im Vergleich zu den Monaten zuvor wieder etwas mehr sind. Doch die Zahlen der Ankünfte sind nach wie vor überschaubar. Trotzdem heißt das nicht, dass sich die Situation insgesamt zwingend verbessert hätte. Während im letzten Jahr die Leute nur wenige Tage auf der Insel waren und dann weiterreisen konnten, sitzen sie nun für Monate auf der Insel fest, dürfen diese nicht verlassen und müssen zu tausenden, der Sommerhitze ausgesetzt, in den Lagern von Moria und Kara Tepe ausharren und darauf warten, dass sie ihre Asylanhörung haben werden. Leider fehlt dabei oft jegliche Information wann das passieren wird. Die meisten Flüchtlinge sind nun bereits über 3 Monate auf der Insel und werden wahrscheinlich auch noch einige weitere Monate bleiben müssen, sofern sie nicht andere Wege finden um mit der Fähre nach Athen zu kommen.

Für uns ist die Situation durchaus schwieriger als letztes Jahr. Denn so schlimm die Zustände auch waren, so war doch klar wie man die Menschen Unterstützen kann. Denn sie hatten die Freiheit weiterzureisen und konnten ihre Reise zu ihren Zielen in Nordeuropa fortführen. Nun, durch die Situation festzustecken, herrscht insbesondere Ratlosigkeit und Ungewissheit. Und die führt zu psychischen Beschwerden, Frust, Wut und Aggression bei den Menschen, die seit Monaten in menschenunwürdigen Umständen leben müssen. Neben der Hitze herrscht schlechte Ernährung, Wasserknappheit, viele Menschen leben immer noch in kleinen Zelten und die Sanitären Anlagen sind unzureichend. Außerdem verbreiten sich mittlerweile mehr und mehr Drogen, Prostitution hat sich etabliert und es kommt immer wieder zu Konflikten und Gewalt zwischen Flüchtlingen.

Hinzu kommen neuerdings einige Festnahmen, deren Begründung uns nicht bekannt ist, von Menschen unter anderem aus Marokko, Pakistan, Kamerun und dem Sudan. Einige dieser Flüchtlinge, die meist als Wirtschaftsflüchtlinge angesehen werden, wurden bereits mehrfach festgenommen und die meisten von ihnen wurden in Detetioncenters auf dem Festland überführt. In einigen dieses Lager, wie zum Beispiel dem in Korith sind die Zustände meist noch schlechter als hier. Vor einigen Jahren haben Ärzte ohne Grenzen dieses Lager besichtigt. Die Zustände dort waren jenseits dessen, was man sich als Möglich in Europa vorstellt. Menschen lebten dort meist zu mehreren Dutzend in Käfigen mit einer Stunde Ausgang pro Tag. Dass Menschen von hier nun dort hingebracht werden, verbreitet noch mehr Unsicherheit unter den hier wartenden Flüchtlingen.

Aber es gibt mittlerweile auch einige Fälle, meist bei denjenigen, die von Anwälten vertreten werden, die positive Bescheide bezüglich ihrer Asylanträge erhalten. Bisher wurden fast alle syrischen Asylanträge bearbeitet, nun folgen wohl die Anträge der Pakistanis. Nach und nach gibt es für die Flüchtlinge auch mehr Rechtsbeistand. Die Begleitung derjenigen, die hier auf der Insel gestrandet sind ist nun zur Hauptaufgabe der NGOs geworden.

Auch wir haben beschlossen unseren Teil dazu beizutragen und werden in Kürze in Kooperation mit PIKPA, der lokalen Aktivistengruppe, ein Support Center für Flüchtlinge und lokale Bevölkerung eröffnen. Das Center, das den Titel Mosaik trägt, wird voraussichtlich in der zweiten Juli Woche eröffnet. Es ist ein vormaliges Universitätsgebäude im Zentrum von Mytilini, das 2 Klassenräume, eine Bibliothek, ein Anwalts/Psychologenzimmer und einen großen Gemeinschaftsraum für verschiedenste Gruppenaktivitäten hat. Geplant sind zunächst Englisch und Griechisch Unterricht, Psychologische- und Rechtsberatung, sowie Kinderbetreuung, sportliche Aktivitäten, Musikkurse, Filmabende, Chöre, Holz-, Töpfer- und Malworkshops und mehr. Die Kurse werden von Volontären, Griechen und teilweise auch von Flüchtlingen angeboten. Das Projekt wächst jeden Tag und wir investieren all unsere Energie in den Aufbau des Projekts. Schon jetzt zeichnet sich ab, was für ein schöner Ort das Zentrum werden wird und wir freuen uns sehr auf die Eröffnung. Mehr Informationen werden in Kürze über einen Link auf die Projekthomepage folgen.

Ansonsten haben wir es letztlich geschafft, den Verein nach 5 Monaten Arbeit in Griechenland zu registrieren, was uns ermöglicht endlich Leute einzustellen und hier in weiterem Maße aktiv zu sein. Der nächste Schritt wird dann der Import des Autos nach Griechenland sein. Insbesondere weil es immer wieder Probleme zwischen den Behörden und NGOs gibt, wollen rechtlich auf der sicheren Seite sein. Unser Gewächshaus und den Reiniger haben wir mittlerweile im Zuge der Kooperation an PIKPA gegeben, die beides dringend in ihrem Camp gebrauchen können. Im Gewächshaus wird demnächst dann Gemüse und Salat für die Küche im Camp angebaut und der Reiniger stellt eine große Erleichterung bei der Reinigung der Toiletten dar, die vorher mühsam per Hand getätigt werden musste.

Wir hoffen mit dem Mosaik Zentrum, den hier angekommenen einerseits die Möglichkeit zu geben, in der Zeit des Wartens etwas zu tun zu haben, als auch ihnen sprachliche und sonstige Fähigkeiten beibringen zu können, die ihnen die Integration in die griechische Gesellschaft ermöglichen. Denn wir sind der festen Überzeugung, dass es keine langfristige Lösung ist, die Menschen hier in Essens und Übernachtungsabhängigkeit zu halten, sondern dass es zwingend notwendig ist, dass man sie ermächtigt für sich selbst zu sorgen und somit unabhängig und frei zu sein. Dazu möchten wir mit dem Mosaik beitragen.

6 Wochen

Die letzten 6 Wochen waren für uns von Unsicherheit darüber geprägt, wie sich die Lage auf der Insel entwickeln wird. Nachdem am 4. April die erste Deportation von Flüchtlingen stattfand (gefolgt von einer zweiten ein paar Tage später) stellten alle Geflüchteten nun Asylanträge in Griechenland, da dies ihre einzige Chance ist, um nicht umgehend in die Türkei zurückgeschoben zu werden. Gleichzeitig sank die Zahl der Ankommenden annähernd auf Null, was für unser Projekt bedeutet, dass wir kaum noch Arbeit in unser ursprünglichen Funktion als Erstaufnahmestelle haben. Angesichts der Tatsache, dass abgesehen von zwei kleineren Bootsankünften in den letzten Wochen keine Boote mehr ankommen, befinden wir uns nun in einer Neuorientierungsphase. Wir werden die Käserei weiterhin behalten, da sie uns quasi nichts kostet und es jederzeit passieren kann, dass wieder mehr Boote kommen, sollte das EU-Türkei Abkommen scheitern. Aber wir werden nun versuchen, andere Wegen zu finden, um uns an die veränderten Lage auf der Insel anzupassen und sinnvolle Hilfe leisten zu können. Die Käserei zu behalten ist für uns insbesondere deshalb wichtig, da es absehbar ist, dass nach und nach mehr Gruppen ihre Aktivitäten hier einstellen werden und einige es bereits auch schon getan haben, obwohl viele NGOs und Volunteer-Gruppen ihr Engagement trotz ausbleibender Ankünfte erstaunlich lange aufrecht erhalten. Daher halten wir es für notwendig diese Struktur aufrechtzuerhalten, um sie gegebenenfalls jederzeit reaktivieren zu können.

Die Lage auf der Insel hat sich insofern verändert, dass die Geflüchteten eine deutlich längere Zeit auf Lesvos verbringen, da sie auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warten. Da die Europäische Union es bisher aber nicht geschafft hat, die versprochene und geplante Anzahl von Verfahrensprüfern zu entsenden, gestaltet sich dieser Prozess  als äußerst langsam. Wir gehen davon aus, dass es sich für einige Geflüchtete durchaus über ein halbes Jahr oder Jahr hinziehen kann, sollte sich an der Lage, sei es rechtlich oder infrastrukturell, nichts ändern.

Daher wollen wir Projekte zu initiieren, die den Geflüchteten langfristig helfen. Unter anderem planen wir ein Projekt, bei dem griechische Anwälte die Asylsuchenden in ihren Verfahren begleiten und sie rechtlich unterstützen. Angesichts des sehr unklaren bzw. kaum vorhandenen Asylsystem in Griechenland, bei dem selbst die EU nach wie vor nach potentiellem Personal sucht, kann das Aufstellen einer solchen Gruppe jedoch etwas dauern.

Ein weiteres Projekt, das wir mit einer anderen Gruppe möglichst schnell realisieren wollen, ist für möglichst viele Menschen eine andere Unterkunft für ihre Zeit auf der Insel zu finden. Zur Zeit leben um die 5.000 Flüchtlinge auf der Insel, aufgeteilt auf die Lager Moria und Kara Tepe. Der griechische Staat gewährt zwar theoretisch denjenigen, die länger als 25 Tage registriert sind, freien Ausgang aus den Lagern, aber auch bei der Ausstellung dieser „Ausgangs-Papiere“ kommt es zu erheblichen Verzögerungen. Außerdem findet die Essensausgabe, die sich immer wieder als nicht ausreichend in Portion und Anzahl herausstellt, nur in den Lagern statt und darüber hinaus müssen die Flüchtlinge nach wie vor in den Lagern schlafen, sollten sie keine Ummeldung beantragt und gestattet bekommen haben. Die Zustände der Unterkunft sind menschenunwürdig. Bis zu 40 Menschen schlafen gemeinsam in einer Hütte, in Ermangelung von Betten oft auf dem Boden. Die Qualität des Trinkwassers ist mangelhaft und auch die medizinische Versorgung ist oft unzureichend.

Da wir davon ausgehen müssen, dass die Geflüchteten eine längere Zeit auf der Insel bleiben, halten wir es für eines der wichtigsten Ziele, so viele Menschen wie möglich an anderen Orten in menschenwürdigen Verhältnissen unterzubringen und sie darüber hinaus auch zu ermächtigen, für sich selbst zu sorgen. Daher befinden wir uns momentan in Verhandlungen über die Miete eines leerstehenden Hotels, in dem wir zusammen mit dem CK Team, einer Volunteergruppe, mit der wir seit geraumer Zeit eng zusammen arbeiten, ca. 150 Asylsuchende unterbringen und versorgen können. Wir hoffen sehr, dass wir dieses Projekt erfolgreich starten können, sind uns aber auch bewusst darüber, dass es möglicherweise, wie überall in Europa, zu Widerständen gegen die Unterbringung von Geflüchteten und damit auch gegen das Projekt kommen kann. Trotzdem halten wir gerade diese Auseinandersetzung, sollte sie nötig sein, für unerlässlich und stellen uns jeder Diskussion, denn wir sind der Meinung, dass unsere Arbeit unbedingt nicht nur humanitär sein darf, sondern auch politisch sein muss.

Daher wollen wir neben den humanitären Projekten, insbesondere auch mit dem Rechtsbeihilfe-Projekt und in Kooperation mit türkischen NGOs, die wir auf einer Konferenz in Izmir besucht haben und mit denen wir in Zukunft kooperieren wollen, unseren Fokus wieder mehr auf Aspekte der Menschenrechte legen und über die Zustände hier berichten.

Es ist uns nach wie vor eine Hauptanliegen gegen das Gefühl anzugehen, dass das was hier passiert etwa rechtens, sogar nötig und deshalb auch in Ordnung ist. Denn das ist es nicht und wir werden ein solches Handeln auch niemals akzeptieren. Deshalb sehen wir auch weiterhin unsere Hauptaufgabe darin, für diejenigen einzutreten, deren Rechte missachtet, die aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert und menschenunwürdig behandelt werden, indem wir nicht aufhören, über diese Ungerechtigkeit zu berichten.

Lesvos im Zeichen des EU-Deals

Seit über einer Woche ist die neue EU-Regelung in Kraft. Ab Sonntag dem 21. März werden alle Neuankommenden im ehemaligen Registrierungslager und HotSpot Moria interniert. Sie erhalten einen Zettel auf dem ihnen erklärt wird, dass sie legal interniert sind, welche Rechte sie haben und dass sie auf die weitere Schritte warten müssen. Jeglicher Ausgang ist ihnen verwehrt. Außerdem haben sich Hilfsorganisationen wie UNHCR und Ärzte ohne Grenzen aus dem Lager zurückgezogen weil sie nicht in einem Internierungslager arbeiten können und wollen. Durch Gespräche mit internierten Flüchtlingen durch den Zaun haben wir erfahren, dass das schwierigste für die Menschen ist, dass sie keinerlei Informationen darüber haben was mit ihnen passieren wird. Sie erhalten keine Auskunft und es scheint als wüssten es die Beamten im Lager selbst nicht schlussendlich. Deswegen sind mittlerweile um die 3000 Flüchtlinge in Moria eingesperrt ohne darüber bescheid zu wissen was mit ihnen passieren wird. Insbesondere in Hinblick auf eingesperrte Kinder ist das für uns in jeglicher Hinsicht inakzeptabel. Zwar erhalten die Menschen im Lager Verpflegung, aber auch an medizinischer Hinsicht fehlt es nach den Erzählungen der Internierten. Darüber hinaus ist die Lage angesichts der nach wie vor ankommenden Boote kritisch. Täglich wächst die Zahl der Flüchtlinge im Lager. Und wann die geplanten Rückführungen in die Türkei schlussendlich stattfinden werden ist auch noch nicht klar. Ob es tatsächlich ab dem geplanten 4. April dazu kommen wird ist nach wie vor unklar. Sowohl die Türkei als auch Griechenland haben bisher die nötigen Gesetzesänderungen nicht vollzogen, die eine Rückführung zumindest aus Sicht der Europäischen Union legal machen würden. Außerdem sind laut Gesetzestext Massenabschiebung verboten. Wie aber diese umgangen werden sollen, sollten weiterhin täglich Menschen auf der Insel ankommen ist schwer zu beantworten. Auch die praktische Umsetzung wird sicherlich ziemlich schwierig werden. Abgesehen davon ist die Frage, wie die geplante Prüfung der Asylanträge in 48 Stunden fair und gänzlich ablaufen soll. In der Vergangenheit haben europäische Staaten oft Monate, wenn nicht Jahre dafür gebraucht diese Anträge zu prüfen. Eine nun in innerhalb von 48 Stunden ablaufende Prüfung ist daher kritisch zu hinterfragen. Außerdem müsste dafür sichergestellt werden, dass die rückgeführten Flüchtlinge in der Türkei sicher sind. Sowohl dort als auch vor weiterer Abschiebung. Ob diese Frage so einfach zu beantworten ist scheint zumindest fragwürdig. Auch in Hinblick auf die mögliche Zunahme von kurdischen Flüchtlingen, die bereits zahlreich sind und deren Sicherheit in der Türkei bestimmt nicht sicher gewährleistet ist, eine wichtige Frage. Somit kann es sein, dass dieser Deal letztendlich in der Umsetzung mehr Schwierigkeiten bereiten wird als bisher zugegeben und dass am Ende der Kette die Menschen in Lagern wie Moria sein werden. Dass sich sehr viele Menschen in diesem Lager ansammeln werden und die Zustände verschlechtern werden. Aber auch wenn die Rückführung reibungslos klappen sollte können wir von uns aus nur sagen, dass wir nie akzeptieren werden, dass Menschen dafür eingesperrt werden, dass sie versuchen ein besseres Leben zu erlangen. Insbesondere auf Kinder, die jetzt hinter Gittern eingesperrt sind, weil sie mit ihrer Familie aus welchen Gründen auch immer geflohen sind.

Die große Frage lautet aber insbesondere: funktioniert die Abschreckungslogik der Europäischen Union? Kommen nun tatsächlich weniger Menschen, da ihre Chancen nach Europa zu kommen auf dem Papier gegen null gehen? Das ist nicht abschließend zu beurteilen. Wir haben sowohl mit Flüchtlingen gesprochen, die uns sagten, dass sie wenn sie über die Situation hier vor Ort bescheid gewusst hätten nie gekommen wären. Dass sie kein Asyl in Griechenland beantragen wollen, da sie hier keine Chance haben selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Da seien die Möglichkeiten in der Türkei, wo sie zumindest irgendwie arbeiten könnten noch besser – eine Aussage, die tief auf die Situation Griechenlands, eines europäischen Mitgliedstaats, und seine europäischen Partner blicken lässt. Wir haben aber auch mit Flüchtlingen gesprochen, die genau wussten, was ihnen bevorsteht und trotzdem gekommen sind. Sie sagten uns, dass sie gar keine andere Wahl haben und dass sie Glück versuchen. Das Prinzip Hoffnung spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie wussten bereits, dass sie interniert würden, zahlten trotzdem die horrenden Preise der Schlepper und riskierten ihr Leben um nach Europa zu kommen.

Gehen die Ankünfte denn zurück? Zumindest im Vergleich zu vor dem Deal nicht wirklich. Seit der verstärkten Kontrolle des Seegebietes sowohl von türkischer als auch von griechischer und NATO Seite sind die Ankünfte seit Februar zwar zurückgegangen aber nicht zum erliegen gekommen. Auch nicht nach dem neuen Abkommen. Täglich erreichen Boote die Insel. Gestern sollen es bis zu 700 neue Flüchtlinge gewesen sein. Vielleicht hat sich noch nicht überall die neue Situation herumgesprochen. Die Schlepper werden den Flüchtlingen sicherlich nicht erzählen was sie auf der anderen Seite erwartet. Daher können wir die Situation abschließend wahrscheinlich erst in ein paar Wochen beurteilen.

Trotzdem wollen wir auch hier noch einmal feststellen, dass selbst bei einem funktionierenden System die Fluchtursachen nicht verschwinden und die Menschen trotzdem versuchen werden Europa zu erreichen. Die Vergangenheit hat immer gezeigt, dass zwischenzeitliche Blockaden den Fluchtdrang nicht stoppen konnten. Die Fluchtwege haben sich nur verschoben. So ist anzunehmen, dass sollte der Schutz der griechischen Außengrenze durch das Abkommen funktionieren, die Flüchtlinge nur wieder verstärkt die wesentlich gefährlichere Route über das Mittelmeer wählen werden oder sich neue Fluchtrouten, wie z.B. über das Schwarze Meer nach Bulgarien auftun werden. Denn das Abkommen gilt nur für Griechenland und nicht für andere EU Staaten, wie Italien oder Bulgarien. Dass selbst europäische Regierungen dieses Szenario für realistisch halten, zeigt, dass Ungarn zur Zeit einen Zaun an seiner Ostgrenze zu Rumänien baut.

Abschließend – was bedeutet das für unsere Arbeit? Wir haben beschlossen weiterhin unsere Arbeit fortzuführen und die Erstversorgung der Flüchtlinge aufrechtzuhalten. Für uns ist es jetzt nun immer häufiger der Fall, dass wir Menschen erklären müssen, was mit ihnen passieren wird und wir ohne Antwort auf das Warum dastehen. Auch können wir ihnen leider nicht mehr so einfach versichern, dass sie nun in Europa und in Sicherheit sind. Traurig aber wahr.

Moria

Die EU hat ihre Grenzen geschlossen. Moria ist zu einem Internierungslager geworden. Menschen auf der ganzen Welt haben protestiert. Am 24. März haben ca. 200 Demonstranten vor den Toren von Moria gegen das EU-Türkei Abkommen demonstriert, dass die Abschiebung aller auf der Insel ankommenden beabsichtigt. Nach Informationen von Ärzte ohne Grenzen sollen Flüchtlinge durch die Drohende Abschiebung dazu gezwungen werden in Griechenland Asyl zu beantragen und diejenigen denen es nicht zuerkannt wird sollen direkt von der Insel in Camps in der Türkei gebracht werden.

Offiziell werden nur Syrer und Iraker als Flüchtlinge eingestuft und wir erwarten daher dass Menschen aller anderer Nationalitäten nach kurzer Zeit abgeschoben werden.

Um individuelle Befragung hinsichtlich der Asylanträge gewährleisten zu können rechnet die EU wohl mit einem Betrag von 20 Million Euro pro Tag. Dieses Geld wird zur Beschäftigung von mehr Prüfern eingesetzt um den Prozess zu beschleunigen. Jedoch soll niemand vor dem 4. April abgeschoben werden und es kann durchaus sein, dass es weitere Wochen dauern wird um das System zum Laufen zu bekommen.

Von Lesvos wurden bisher nur Fähren mit Flüchtlingen gefüllt, die in Richtung Festland ablegten, wo die Flüchtlinge in Camps gebracht werden, deren Zustände wegen Überfüllung und schlechter Versorgung unwürdig sind und in denen die Geflüchteten keine Ahnung über ihre Zukunft haben.

Wir selbst sind in dieser Situation dazu angehalten den Menschen die ankommen nicht direkt Informationen über die Situation zu geben, da Ärzte ohne Grenzen, die die Ankommenden aus der Käserei abholen, es berechtigter Weise vorziehen, die Menschen in ihrer Landessprache mit Übersetzern und Kulturellen Mediatoren über die Situation zu informieren.

Abgesehen davon haben Ärzte ohne Grenzen ihren Transport in Richtung Moria Camp eingestellt, da sie die Menschen nicht in ein Internierungslager transportieren.Daher wird der Transport ab nun wieder von der Küstenwache durchgeführt.

Zur Zeit fällt es uns schwer uns in dieser Situation zu positionieren. Wir sind nicht einverstanden damit dass Moria in ein Internierungslager umgewandelt wurde, dass die Menschen einsperrt und dazu dient Menschen, die aus Kriegsgebieten und Armut fliehen zu deportieren, die das Recht haben sollten ein Leben in einem sicheren Land zu führen.

Wir führen unsere Arbeit weiter um das sichere Ankommen der Flüchtenden zu garantieren und sie bestmöglich auf ihre ungewisse Zukunft vorzubereiten und auszustatten. Dabei hat die Polizei bisher noch nicht in unsere Arbeit eingegriffen und wir können uns durch unsere Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen zumindest sicher sein, dass die Menschen die Inormationen bekommen, die ihnen Zustehen. Denn das ist das wichtigste und wenigstens können wir eine Erstversorgung stellen und sicher sein, dass die Ankommenden informiert sind.

Noch einmal gut gegangen…

Nachdem wir in den letzten Wochen weniger Ankünfte im Norden hatten und die meisten Boote im Süden von Mytilini ankamen hatten wir gestern und heute wieder Bootsankünfte im Norden. Während die gestrige Ankunft reibungslos verlief und wir die Angekommenen zügig zur Käserei transportieren und dort versorgen konnten war der morgendliche Alarm heute wesentlich kritischer. Ein größeres Boot mit ca. 100 Menschen war vor dem Hafen von Palios am sinken und einige Menschen bereits im Wasser als wir die Nachricht erhielten. Glücklicherweise war das Seenotrettungsteam von SeaWatch bereits vor Ort und hatte mit dem Bergen der Menschen begonnen und schnell konnten wir mit den Gruppen im Norden gemeinsam eine Notfallrettung organisieren. Über Whatsapp, über das meist die Koordinierung abläuft, haben wir schnell weitere Rettungsboote und Hilfe an Land organisiert, so dass neben SeaWatch bald zwei weitere Rettungsboote zur Stelle waren und die Leute zügig vom sinkenden Schiff retten konnten. Im Hafen standen dann das Ärzte ohne Grenzen, das CK Team und wir bereit um die zum Teil komplett nassen und unterkühlten Menschen zu versorgen. Auch dabei war unser gestern angekommenes neues Teammitglied und Arzt Johannes, der die nächsten Monate unser Projektarzt sein wird. Gemeinsam konnten wir die teilweise unter Schock stehenden Menschen mit Decken und im Auto aufwärmen. Johannes versorgte einige unterkühlte Kinder, von denen eins ernsthaftere Symptome zeigte und schnell ins Krankenhaus nach Mytilini gebracht wurde. Die restlichen Angekommenen wurden mit Fahrzeugen ins Ärzte ohne Grenzen Camp nach Mantamados gebracht, wo sie trockene Klamotten und Schuhe bekamen. Wir holten jede Menge Schuhe aus unserem Lager in der Käserei und brachten sie ins Camp, wo sie fast gänzlich verteilt wurden.

Dass die Notsituation heute morgen glimpflich verlaufen ist und niemand zu Schaden gekommen ist, ist unter anderem dem gut funktionierenden Netzwerk aller NGOs und Freiwilligengruppen zu verdanken. Es ist natürlich immer schwer so eine Vermutung anzustellen, aber es ist sehr gut möglich, dass ohne die Hilfe der Seenotrettung und der Spotter an Land heute morgen Menschen hätten sterben können.

Dementsprechend wollen wir sowie denjenigen, die heute morgen vor Ort waren und allen denen die täglich Menschen in Not helfen und sie unterstützen, auf Lesvos, auf den anderen Inseln, in Athen, Idomeni, dem Balkan, im Mittelmeer, in den Ankunftsländern und den Orten bevor sie nach Europa kommen danken, als auch denen die mit ihren Spenden die Arbeit vieler Organisationen und Freiwilligen möglich machen und damit Rettung und Hilfe für viele Menschen in Not ermöglichen. Wir sind froh, dass es in schwierigen Zeiten in Europa immer noch sehr viele Menschen gibt, die weiterhin dafür eintreten, dass Menschen in Not geholfen werden soll. Wir hoffen, dass positive Geschichten wie die heutige, die zwar äußerst kritisch war, zeigen, was mit gemeinsamer Hilfe und Willen, möglich ist und die dem Bild der allgegenwärtigen Not auch ein Signal entgegensetzt, das zeigt, dass trotz allem was zur Zeit aus unserer Sicht in Europa schief läuft, aufgrund der Leidenschaft und des Engagements vieler Menschen eines auch gut läuft und dass es Wert ist dafür weiterhin einzustehen und zu kämpfen.

Ungewisse Zukunft?

Der erwartete Rückstau von Flüchtlingen auf der Insel hat sich nicht eingestellt. Zwar hat sich das Lager in Moria wieder deutlich gefüllt aber gleichzeitig ist die Anzahl der Ankünfte etwas zurückgegangen. Insbesondere im Norden sind sie zur Zeit sehr niedrig und wir erleben auch Tage ohne Flüchtlinge, nur um dann wieder an einem Tag 6 Boote zu haben. Generell hat sich das Bild aber so verändert, dass auch im Süden die meisten Boote entweder von Fronten oder der griechischen Küstenwache eingesammelt werden und in den Hafen von Mytilini gebracht werden. Der Rückgang der Ankünfte hat daher wahrscheinlich viel mit Aktionen in türkischen Gewässern oder dem Festland zu tun. Ein Flüchtling berichtete uns, dass er es nun mit seinem siebtem Versuch geschafft habe. Vorher sei er mehrmals von der türkischen Küstenwache gestoppt worden.

Tatsache ist h dass die Frontexboote und die griechische Küstenwache vermutlich alle Boote in die griechischen Häfen von Mytilini und Petra bringen. Uns ist bisher nichts von direkten Pushbacks auf See bekannt. Was aber berichtet worden ist, ist, dass 150 pakistanische Flüchtlinge direkt von der Insel wieder in die Türkei gebracht wurden. Aufgrund der starken Kontrolle, insbesondere auf türkischer Seite versuchen wieder fast alle Flüchtlinge im Schutz der Dunkelheit das Meer zu überqueren, was wesentlich gefährlicher ist.

Während die Situation auf der Insel noch in Ordnung ist, besorgen uns die Bilder und Berichte von Freunden aus Idomeni zutiefst. Einige Volontäre sind an die Grenze aufgebrochen um bei der Versorgung von bis zu 13000 festeckenden Flüchtlinge mitzuhelfen. Auch wir unterstützen logistisch und materiell weitere Hilfstransporte nach Idomeni.

Wir bezweifeln sehr, dass die europäische Politik der Grenzschließung in der Ägäis ihren Zweck erfüllen kann. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Menschen sich nicht abschrecken lassen, sondern in ihrer Verzweiflung nur weitere und gefährlichere Wege auf sich nehmen werden. So zeigen politische Aktionen, wie die Verhängung des Ausnahmezustands in Ungarn, dass nicht nur NGOs und Menschenrechtsorganisationen von einer Verschiebung der Fluchtrouten ausgehen.

Was bedeutet das für Lesvos und uns? Es kann sein, dass die Zahlen der Ankünfte auf der Insel weiter zurückgehen werden, sollten sich Flüchtlinge dazu entscheiden vermehrt die Route über Bulgarien, inklusive einer Bootsfahrt über das Schwarze Meer, zu nutzen. Es kann aber auch sein, dass die Flüchtlinge weiterhin die Route auf die Inseln nehmen werden um dann vom Festland eine andere Balkanroute über Albanien und möglicherweise den Kosovo zu nehmen. All das ist noch ungewiss, obwohl uns die Möglichkeit der Flucht über das Schwarze Meer, auf dem die Überfahrt nicht von Hilfsorganisationen abgesichert ist, bei der keine Landunterstützung durch zahlreiche Hilfsorganisationen existiert und die Berichte über Misshandlungen von Flüchtlingen existieren, uns besorgt.

Wie auch immer sich die Situation entwickelt, haben wir beschlossen, dass wir als borderline-europe weiterhin auf Lesvos bleiben werden und unsere Arbeit hier fortsetzen. Da wir im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen eine sehr geringe Kosten- und Personalstruktur haben, ist es uns möglich auch ohne Zustrom von Flüchtlingen hier zu bleiben um im Fall der Fälle sofort wieder in der Lage zu sein Helfen zu können sofern das nötig sein sollte. Außerdem können wir hier Vorort auch unserer Aufgabe als Human-Rights-Watch Organisation nachkommen und die Entwicklung der Grenzsituation an der Ägäis beobachten und darüber berichten.

Aber das ist alles noch Zukunftsmusik. Zunächst tragen wir weiterhin in der Käserei unseren Teil zur Versorgung und Aufnahme der Ankommenden Flüchtlinge im Norden der Insel Lesvos bei.

Folgen der geschlossenen Grenzen

In den letzten Tagen hat sich die Situation weiter ins Hoffnungslose verändert. Diesmal ist es aber Europa, dass den Druck verspürt. Durch plötzliche Veränderungen durch politische Entscheidungen haben sich direkte Auswirkungen auf die Fährverbindungen von der Insel ergeben. Europas Grenzen sind enger geworden. Seit Monaten haben sie sich gestreckt, geöffnet und teilweise wieder geschlossen. Nun scheinen sie komplett geschlossen werden um den Zustrom von Flüchtlingen zu stoppen.

Vom 1. März an wurde die griechisch-mazedonische Grenze in Idomeni für Afghanen und Iraker geschlossen. Obwohl ihre Herkunftsländer ebenso wie Syrien als Kriegsgebiete klassifiziert sind sind Menschen aus diesen Ländern nun gezwungen in Griechenland zu bleiben. Tausende steckengebliebene Menschen haben entweder nur die Möglichkeit sich selbst auf den bis zu 500 Kilometer langen Fußmarsch zu machen um dort oft abgewiesen und zurückgeschickt zu werden oder gleich in den überfüllten Lagern in Athen und Thessaloniki zu bleiben. Außerdem hat sich als Folge der neuen politischen Entwicklungen auch die Politik des Weiterreisens von den Inseln aufs Festland verändert.

Blue Star und Hellenic Seaways Fähren sind nun die einzigen Fähren, die Flüchtlinge aufs Festland bringen, während es in der Vergangenheit eine staatliche Fähre für Notfälle gab. Auch die Anzahl der Verkauften Tickets an Flüchtlinge ist auf 600 täglich limitiert worden, damit der Zustrom aufs Festland, auf dem die Zustände bereits kritisch sind zu reduzieren. Laut UNHCR befinden sich noch fast 2 Million Flüchtlinge in der Türkei und sollte der Flüchtlingszustrom gleichbleibend oder steigen würden die Folgen auf der Insel schnell sichtbar werden.

Dann könnte sich das Registrierungslager in Moria schnell wieder füllen und folgen für Transitlager wie unsere Käserei haben. Das könnte bedeuten, dass wir möglicherweise Leute auch über Nacht da behalten werden, sofern die Situation in Moria es erfordert. Wir werden die Entwicklung in den nächsten Tagen im Auge behalten und uns für den Fall der Fälle auch auf die Unterbringung von Menschen vorbereiten.

Auffanglager Griechenland?

Wir waren in den letzten Wochen auch zweimal auf dem Festland unterwegs und konnten uns ein Bild über die Lage dort machen.

Insbesondere die fast gänzliche Schließung der Grenzen hat dazu geführt, dass die Weiterreise der Flüchtlinge gestoppt wird. Als Reaktion auf die Nichtakzeptanz von afghanischen Flüchtlingen wurden diese vom Grenzlager in Idomeni wieder in Lager in Thessaloniki und Athen und ins Zentrum von Athen gebracht. Dort sind sie nun gestrandet und haben keine Perspektive für eine Weiterreise. Dazu kommen nach wie vor Ankünfte auf den ägäischen Inseln, die die Zahl derjenigen, die die Grenze passieren dürfen bei weitem übersteigt. Schon jetzt sind die Lager in Athen und Thessaloniki überfüllt. Auch auf den Raststätten entlang der Autobahn Richtung Norden sammeln sich immer mehr Menschen, denn die Regierung versucht den Zufluss nach Idomeni zu begrenzen um dort eine Ausnahmesituation zu verhindern. Das Lager in Idomeni ist bereits jetzt überfüllt und ein Eintreffen weiterer Flüchtlinge könnte zu Spannungen führen. Jedoch haben alle diese Maßnahmen nur begrenzte Wirkung, da die Flüchtlinge sich nach tagelangem Warten auf Raststätten, an denen sie ihr Geld ausgeben und kaum Versorgung haben, zu Fuß auf den meist hunderte Kilometer langen Weg nach Norden machen. Dies führt nicht selten zu Verkehrsblockaden und trägt nicht gerade zur Verbesserung der bereits angespannten Lage in Griechenland bei.

Um nicht noch mehr Chaos auf dem Festland zu erzeugen hat die griechische Regierung nun die Zahl der Flüchtlinge auf der Fähre zum Festland begrenzt, was jedoch bedeutet, dass mehr Flüchtlinge auf den Inseln stecken bleiben werden und dazu führen kann, dass die Situation wieder der im Sommer letzten Jahres ähneln kann. Dabei kann man die Reaktion der griechischen Bevölkerung im Umgang mit der Situation nicht hoch genug würdigen. Man stelle sich vor wie in anderen europäischen Ländern die Menschen reagieren in Zeiten einer Krise und den Sparauflagen mit denen Griechenland umgehen muss, reagieren würde, wenn sie dazu noch mit dieser Situation umgehen müssten.

Griechenland in dieser Situation immer noch vorzuwerfen seiner Aufgabe der Grenzsicherung nicht nach zu kommen ist hypokritisch. Wer einmal auf den Inseln war und die Situation gesehen hat, kann nicht ersthaft behaupten, dass dies möglich ist. Und einen europäischen Partnerstaat, der bereits mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen hat, mit diesem Problem im Stich zu lassen ist einfach nur unsolidarisch. Darüber hinaus nun auch noch über die Wiederaufnahme der Dublin Regelung zu sprechen und Flüchtlinge wieder nach Griechenland zurückschieben zu wollen ist nur noch absurd, führt zur Verschärfung der Lage in Griechenland und lässt ein Land im Stich, dass alleine nicht in der Lage ist die ankommenden Flüchtlinge zu versorgen.