Ungewisse Zukunft?

Der erwartete Rückstau von Flüchtlingen auf der Insel hat sich nicht eingestellt. Zwar hat sich das Lager in Moria wieder deutlich gefüllt aber gleichzeitig ist die Anzahl der Ankünfte etwas zurückgegangen. Insbesondere im Norden sind sie zur Zeit sehr niedrig und wir erleben auch Tage ohne Flüchtlinge, nur um dann wieder an einem Tag 6 Boote zu haben. Generell hat sich das Bild aber so verändert, dass auch im Süden die meisten Boote entweder von Fronten oder der griechischen Küstenwache eingesammelt werden und in den Hafen von Mytilini gebracht werden. Der Rückgang der Ankünfte hat daher wahrscheinlich viel mit Aktionen in türkischen Gewässern oder dem Festland zu tun. Ein Flüchtling berichtete uns, dass er es nun mit seinem siebtem Versuch geschafft habe. Vorher sei er mehrmals von der türkischen Küstenwache gestoppt worden.

Tatsache ist h dass die Frontexboote und die griechische Küstenwache vermutlich alle Boote in die griechischen Häfen von Mytilini und Petra bringen. Uns ist bisher nichts von direkten Pushbacks auf See bekannt. Was aber berichtet worden ist, ist, dass 150 pakistanische Flüchtlinge direkt von der Insel wieder in die Türkei gebracht wurden. Aufgrund der starken Kontrolle, insbesondere auf türkischer Seite versuchen wieder fast alle Flüchtlinge im Schutz der Dunkelheit das Meer zu überqueren, was wesentlich gefährlicher ist.

Während die Situation auf der Insel noch in Ordnung ist, besorgen uns die Bilder und Berichte von Freunden aus Idomeni zutiefst. Einige Volontäre sind an die Grenze aufgebrochen um bei der Versorgung von bis zu 13000 festeckenden Flüchtlinge mitzuhelfen. Auch wir unterstützen logistisch und materiell weitere Hilfstransporte nach Idomeni.

Wir bezweifeln sehr, dass die europäische Politik der Grenzschließung in der Ägäis ihren Zweck erfüllen kann. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Menschen sich nicht abschrecken lassen, sondern in ihrer Verzweiflung nur weitere und gefährlichere Wege auf sich nehmen werden. So zeigen politische Aktionen, wie die Verhängung des Ausnahmezustands in Ungarn, dass nicht nur NGOs und Menschenrechtsorganisationen von einer Verschiebung der Fluchtrouten ausgehen.

Was bedeutet das für Lesvos und uns? Es kann sein, dass die Zahlen der Ankünfte auf der Insel weiter zurückgehen werden, sollten sich Flüchtlinge dazu entscheiden vermehrt die Route über Bulgarien, inklusive einer Bootsfahrt über das Schwarze Meer, zu nutzen. Es kann aber auch sein, dass die Flüchtlinge weiterhin die Route auf die Inseln nehmen werden um dann vom Festland eine andere Balkanroute über Albanien und möglicherweise den Kosovo zu nehmen. All das ist noch ungewiss, obwohl uns die Möglichkeit der Flucht über das Schwarze Meer, auf dem die Überfahrt nicht von Hilfsorganisationen abgesichert ist, bei der keine Landunterstützung durch zahlreiche Hilfsorganisationen existiert und die Berichte über Misshandlungen von Flüchtlingen existieren, uns besorgt.

Wie auch immer sich die Situation entwickelt, haben wir beschlossen, dass wir als borderline-europe weiterhin auf Lesvos bleiben werden und unsere Arbeit hier fortsetzen. Da wir im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen eine sehr geringe Kosten- und Personalstruktur haben, ist es uns möglich auch ohne Zustrom von Flüchtlingen hier zu bleiben um im Fall der Fälle sofort wieder in der Lage zu sein Helfen zu können sofern das nötig sein sollte. Außerdem können wir hier Vorort auch unserer Aufgabe als Human-Rights-Watch Organisation nachkommen und die Entwicklung der Grenzsituation an der Ägäis beobachten und darüber berichten.

Aber das ist alles noch Zukunftsmusik. Zunächst tragen wir weiterhin in der Käserei unseren Teil zur Versorgung und Aufnahme der Ankommenden Flüchtlinge im Norden der Insel Lesvos bei.